Die Kartographie von Sexismus und sexueller Gewalt

- Ein Essay

Marlene Helling

Diese Karte ist ein Versuch, die Orte zu sammeln, an denen wir sexualisierte Gewalt oder Sexismus erlebt haben. Diese Karte legt keinen Wert auf Vollständigkeit, sondern ist eher eine Momentaufnahme von Erinnerungen oder auch Erlebnissen, die wir hier teilen möchten. Es kann einfach nur ein Ort markiert werden, an dem Sexismus oder sexualisierte Gewalt passiert ist oder auch eine kleine Beschreibung der Situation hinzugefügt werden. Das ist aber kein Muss! Wählt bitte alle die Farbe Lila für eure Markierung, damit keine Sortierung oder Einteilung passiert. Alle Ereignisse sollen hier gleichwertig dargestellt werden. Vielen Dank für eure Mitarbeit![1]

- Beschreibungstext der SexisMap

 

Prolog // Neues Fahrrad und Sexismus

Als ich in dem Seminar „Formen an den Rändern der Wissenschaft“ die Aufgabe bekam eine militante Untersuchung zu unternehmen, war mir zunächst nicht bewusst, dass sich diese explizit mit Arbeitsbedingungen auseinander setzt. Neben der Produktion von Wissen, wird dabei eine Politisierung der Arbeiter*innen angestrebt. Als Wegweiser für militante Untersuchungen, gilt der von Karl Marx 1880 formulierte „Fragebogen für Arbeiter“. Durch Fragen wie „Liegt die Arbeitsstätte auf dem Lande oder in der Stadt?“, „Ist die Arbeitsstätte mit Maschinen überfüllt?“ oder „Wieviel[e] Stunden arbeiten Sie täglich und wieviel[e] Tage in der Woche?“[2] sollte den Arbeiter*innen ein Selbstbewusstsein gegeben werden, ihre Situation einordnen zu können. Ungeachtet von einer Analyse von Arbeitsbedingungen, begab ich mich auf die Suche nach prekären Bedingungen in meinem Umfeld, die ich untersuchen oder aufzeigen könnte.

An diesem Tag kaufte ich mir ein neues Fahrrad bei meinem Nachbarn. Er saß mit zwei Freunden in seiner Garage, während ich auf der Straße stand und mich mit ihnen unterhielt. Da es sehr heiß war, trug ich eine kurze Hose. Nachdem wir uns über das neugekaufte Fahrrad ausgetauscht hatten, sagte mein Nachbar zu mir „Du bist aber auch eine schöne Frau.“ und blickte an meinen Beinen entlang. Seine Freunde taten das Gleiche. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also bedankte ich mich absurderweise und fuhr mit meinem neuen Fahrrad davon.

Diese Art von Situationen sind mir nicht neu und stellen für mich eine Belastung dar. Da Sexismus und sexuelle Gewalt strukturelle Probleme sind, konnte ich mir sicher sein, mit dieser Belastung nicht alleine dazustehen. Um diese Vielheit offenzulegen und die Ereignisse, die mir und den Menschen um mich herum passieren, zu zeigen, entschied ich mich eine Karte zu veröffentlichen, auf der Sexismus und sexuelle Gewalt eingetragen werden können. Schließlich verspricht eine Karte die Welt so zu zeigen, wie sie wirklich ist. Damit würden in der SexisMap subjektive Erlebnisse zu objektiven Markierungen. Neben der Realitätsbehauptung wird von einer Karte das Abbild der Erdoberfläche erwartet. Wahrheit und Wissen sind also die Parameter, die eine Karte erfüllen soll. „But as we know, truth and knowledge are deeply linked to power and hegemony.“[3] heißt es in dem Sammelband „This is not an Atlas“. Auf die Problematik von Machtstrukturen, die einer Karte innewohnen, gehe ich später noch genauer ein.

Das Buch „This is not an Atlas“ versucht allerdings neben Aussagen über die Repräsentation von Realität durch Karten, über soziale Bedingungen zu sprechen. Karten und Atlanten sind immer politisch und in dem Zusammenspiel von Fakten und Wahrnehmung sind Kartograf*innen immer Zeug*innen und Schauspieler*innen zugleich.[4] Den Ansatz einer Karte, die soziale und strukturelle Gegebenheiten preisgibt und kollektiv entsteht, fand ich interessant.

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Karten, nicht Kopien machen

Ich stieß auf das Buch „Rhizom“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari, worin sich gegen Kopien und für Karten ausgesprochen wird. Es werden keine starren Abbilder gefordert, sondern fluide Gebilde, die sich ständig wandeln können. Rhizom ist griechisch für Wurzel und eine Metapher für eine neue Form der Wissensorganisation, welche nicht hierarchisch wie eine Baumstruktur funktioniert, sondern in viele Richtungen wächst. Deleuze und Guattari formulieren in ihrem Buch vier Merkmale dieses Wurzelgeflechts. Erstens und zweitens das Prinzip der Konnexion und der Heterogenität, was davon ausgeht, jeden beliebigen Punkt eines Rhizoms mit jedem anderen verbinden zu können. Außerdem kann ein Rhizom „unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen“ verknüpfen.[5] Das dritte Prinzip ist das der Vielheit, in der die Vielheit keinen Bezug zum Einzelnen hat. Es gibt keine Punkte, es gibt nur Linien. Das vierte und letzte Merkmal ist das Prinzip des signifikanten Bruchs. Dabei kann das Rhizom an jeder Stelle zerteilt werden und wuchert doch an seinen eigenen Linien weiter.[6] Die Autoren vergleichen das Rhizom mit einer Karte und stellen sich gegen den Vorgang einer Kopie.

 

Wenn die Karte der Kopie entgegengesetzt ist, so deshalb, weil sie ganz und gar dem Experiment als Eingriff in die Wirklichkeit zugewandt ist. Die Karte reproduziert nicht ein in sich geschlossenes Unbewußtes, sondern konstruiert es. Sie trägt zur Konnexion der Felder bei. […] Sie macht gemeinsame Sache mit dem Rhizom. Die Karte ist offen, sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umgekehrt werden, sie ist ständig modifizierbar. [7]

 

Karten sind durch ihre Modifizierbarkeit performativ. Schließlich ist eine Karte nie fertig, sondern immer im Werden. Je nach dem, welches Ziel eine Karte verfolgt, können verschiedene Parameter immer wieder verändert werden oder ein bestimmtest Ziel gibt die Struktur der Karte vor. Die Zirkulation der Zustände definiert eine Karte, ebenso wie ein Rhizom.

Deleuze und Guattari beziehen sich auch auf „Gruppen-Karte[n]: Hier wäre zu zeigen, an welchem Punkt des Rhizoms Phänomene wie Vermassung, Bürokratisierung, Leadership und Faschisierung auftreten und welche unterirdischen Linien trotzdem fortbestehen und im Dunkeln weiterhin 'Rhizom machen'.“[8] Neben Karten beschreiben die Autoren auch ihr Buch als ein Rhizom, was durch Vielheiten zusammengesetzt ist. Diese Vielheiten nennen sie Plateaus.[9]Zentral ist dabei, dass sie ihre Vorgehensweise als nicht wissenschaftlich und nicht ideologisch bezeichnen, sondern sich nur auf Verkettungen beziehen wollen. Diese Verkettungen haben keinen Anfang und kein Ende, sondern sind immer aus der Mitte heraus zu begreifen. Sie fordern:

 

macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! […] Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Laßt keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen![10]

 

 

Donna J. Harraway geht in ihrem Buch „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ in eine ähnliche Richtung. Auch sie fordert ein neue Wissensorganisation, die nicht hierarchisch aufgebaut ist, sondern tentakulär verläuft.

 

 

Die Tentakulären sind keine entkörperten Figuren; sie sind Nesseltiere […] anschwellende Wurzeln, emporsteigende Kletteranken. Die Tentakulären sind auch Netze und Netzwerke, IT-Kritter, innerhalb und außerhalb von Wolken [Cloud Computing]. Tentakularität handelt vom Leben entlang von Linien –einem so großen Reichtum von Linien – nicht vom Leben an Punkten oder in Sphären.[11]

 

 

Harraway möchte sich mit dieser Art des Denkens der kapitalistischen und hierarchischen Struktur unserer Gesellschaft entziehen und lässt sich so mit Delueze und Guattari verknüpfen. Das tentakuläre Denken ist in diesem Zusammenhang, neben dem Rhizom, eine weitere Metapher für eine Karte. Auch eine Karte hat keinen Anfang, kann wachsen und besteht aus fluiden Linien. Trotzdem wird eine Karte immer aus einer bestimmten Position heraus gedacht und verfolgt ein gewisses Ziel. Zwar ist sie modifizierbar und kann damit vielleicht auch tentakulär denken, aber ein vollständiges Verschwinden von hierarchischen Strukturen wird mit einer Karte nicht erreicht.

Die Überlegungen von Harraway werden im Folgenden noch an anderen Punkten (oder besser Linien) angewendet, wenn es darum geht, was überhaupt eine Karte ist.

 

Situierte Kartografie

Die Aufgabe von Kartographie ist es „raumbezogene Informationen zu visualisieren. Zumeist wird davon ausgegangen, dass es sich dabei um objektiv erfassbare Kennwerte handelt. Das Kartieren subjektiv gefärbter Informationen ist individuellen Einzelkarten oder künstlerischen Ansätzen vorbehalten.“[12] Allerdings bezweifele ich, dass es tatsächlich objektive Karten gibt, da jede Karte ein Ziel verfolgt, was von der/dem Kartograph*in vorgegeben wird. Dabei können Karten nie repräsentativ für eine plurale Gesellschaft stehen, da es immer wenige sind, die Karten erstellen. Donna J. Harraway spricht in ihrem Essay „Situiertes Wissen“ von einer Positionierung, die  immer mit Verantwortlichkeiten einhergeht. Die Standpunkte, die man einnehmen kann, kommen immer aus einem bestimmten Diskurs, in dem man sich bewegt und sind daher eine „wissensbegründende Praktik.“[13] Ähnlich verhält es sich mit Geschichtsschreibungen, die „immer aus der Sicht der Seßhaften im Namen eines einheitlichen Staatsapparats [geschrieben wird] und das war selbst dann noch möglich, als von Nomaden die Rede war.“[14] Gilles Deleuze und Félix Guattari fordern in diesem Zusammenhang eine Nomadologie. Eine nomadische Wissenschaft hat einen ereignisorientierten Zugang zum Wissen und ein anderes Verhältnis zum Raum. Durch das ständige Weiterziehen gibt es nicht nur einen Standpunkt, im wahrsten Sinne des Wortes, sondern ein ständig wachsendes, von verschiedenen Standpunkten ausgehendes Wissen.  Auch Karten werden aus einem bestimmten Standpunkt aus erstellt und sind damit situiert.

Die von mir erstellte Karte versammelt Markierungen und kurze Erläuterungen was an den markierten Orten passiert ist. Diese können nur Momentaufnahmen zeigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Person erlebt hat. Das Zusammentragen der Erlebnisse macht die SexisMap zu einer kollektiven Karte. Das Phänomen von user*innengenerierten geografischen Daten findet sich auch im 'Crisismapping' wieder. Der Schwerpunkt von 'Crisismapping' ist das Sammeln von Orten, an denen Sicherheit gewährleistet ist oder eine Gefahr droht. So war während des Erdbebens in Haiti 2010 „die Erfassung von funktionierender Infrastruktur, von Brücken und zusammenstürzenden Gebäuden“[15] eine wichtige Hilfe um zu überleben. Gerade dieses Ziel soll die SexisMap nicht verfolgen. Es sollen keine Orte zu Hotspots des Sexismus erklärt oder Warnungen ausgesprochen werden. Für mich und andere Teilnehmer*innen ging es um ein Empowerment und die Visualisierung einer Vielheit.

 

 

 

SexisMap

Aus der SexisMap werden Orte angezeigt, an denen mir und anderen Kartograph*innen Sexismus oder sexuelle Gewalt passiert ist. Ich entschied mich für das Medium der Karte, da ich immer zuerst an den Ort und nicht an die Person denke, die sich sexistisch geäußert hat oder mir sexuelle Gewalt angetan hat. Nachdem ich den Link der Karte an circa 50 Personen geschickt habe, die ebenfalls ihre Erlebnisse auf dieser Karte verorten konnten, sind nun 77 Markierungen auf der Karte, zu sehen. Manche sind mit einer kurzen Beschreibung der Situation verknüpft, andere zeigen nur den Ort an.

Da die SexisMap eine Weltkarte zeigt, auf der Ländergrenzen zu sehen sind, überlegte ich mir eine andere Form der Darstellung. Denn durch die Verortung zwischen Ländergrenzen wird eine Erzählung eingeschlagen, die ich nicht erzählen wollte. Eine Erzählung von „Reist nicht in dieses Land!“ oder „Hier gibt es sehr viel Sexismus.“ Eine Ballung von Markierungen hat auch damit zutun, dass ich im Ruhrgebiet lebe, sowie auch viele der Teilnehmer*innen. Dadurch kommt eine Konzentration der Markierungen auf Westdeutschland zustande. Diese ist natürlich subjektiv und es kann keine Aussage über einen verstärkten Sexismus in Westdeutschland oder anderen Regionen der Erde angestellt werden.

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 Abb.:1, Screenshot vom 29.06.2020

Mein Problem mit der Reproduktion von Ländergrenzen liegt in ihrer Herkunft und dem rassistischen Potential, was ihnen innewohnt. Bei Ländergrenzen handelt es sich um politische Grenzen, die das Gebiet eines Staates festlegen und manchmal mit natürlichen Grenzen wie einem Gebirge zusammenfallen. Außerdem beschreiben sie kulturelle und sprachliche Grenzen. Grenzziehungen sind oft Produkte von Kriegen oder Eroberungen. Der Kolonialismus in Afrika hat dazu geführt, dass die Ländergrenzen keiner kulturellen Verortung folgen, sondern gerade Grenzen sind, die man Reißbrettgrenzen nennt. „Bei der Grenzziehung wurde nicht auf ethnische und historische Gegebenheiten geachtet. So wurden Familien getrennt, Feinde vereint und Handelsrouten unterbrochen.“[16] Die Folgen dieser Grenzziehungen sind verheerend, werden allerdings in diesem Text nicht weiter besprochen. Die Grenzziehungen in afrikanischen Ländern sind nur ein Beispiel von der Problematik der Reproduktion von Ländergrenzen. Grenzen bestehen  nicht ohne Kartierungen, da die Kartierung sie festschreibt und reprodziert. „Aber Grenzen verschieben sich von selbst, Grenzen sind äußerst durchtrieben. Was Grenzen provisorisch beinhalten, bleibt generativ und fruchtbar in Bezug auf Bedeutungen und Körper. Grenzen ziehen (sichten) ist eine riskante Praktik.“[17] Diese riskante Praktik wollte ich nicht vornehmen, da sie auch Eigentum, Rechte und soziale Normen manifestiert.[18] Damit steht Kartografie immer im Zusammenhang mit Machtstrukturen.

'Counter-Mapping' versucht aus einer postkolonialen Praxis heraus eine neue Form der Kartografie zu finden, um diese Machtstrukturen nicht zu reproduzieren. Damit steht 'Counter-Mapping' vor einer paradoxen Situation. Schließlich geht es um eine größere Repräsentation von zum Beispiel indigenen Völkern. Doch um diese zu zeigen wird auf kartografische Werkzeuge zurückgegriffen. Kartografische Werkzeuge, die zuvor einer nationalistischen und rassistischen Ansicht der Welt dienten.[19] Severin Halder und Boris Michel, die Autoren des Vorworts von „This is not an Atlas“ fordern gerade aus diesem Grund ein ständiges Hinterfragen von Karten um sicher zu stellen, dass sie immer noch für „emancipatory purposes“[20] genutzt werden können. Und gerade da wollte ich ansetzen und durch eine Karte ein emanzipatorisches Potential hervorbringen. Doch was heißt es Sexismus auf einer Karte festzuhalten? Für mich steht die Erzeugung von Vielheit im Mittelpunkt. Die Personen, die ihre Sexismuserfahrungen auf der Karte eingezeichnet haben, können sich mit vielen Punkten verbinden und Linien erzeugen. Da zwischen diesen Linien allerdings immer noch Ländergrenzen zu sehen waren, entschied mich dafür die Weltkarte beiseite zu legen und ein neues Kartenformat zu finden.

 

Vom Pixel zum Faden

Ich kaufte mir also Garn und Stoff, um die Punkte auf der Karte, die einen Ort, an dem Sexismus oder sexuelle Gewalt passiert ist, zu sticken.

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   Abb.: 2 und 3, Foto der gestickten Karte Vorderseite und Rückseite

Dieser Vorgang von einer digitalen Karte zu einem analogen Medium steht auch im Zusammenhang mit den Ursprüngen der Worte „textil“ und „digital“. Das Wort „textil“ kommt vom lateinischen „textilis“, was mit „gewebt, gewirkt“ übersetzt wird. Daraus leitet sich wiederum das lateinische Wort „textere“ ab, was mit „weben, kunstvoll zusammengeführt“ übersetzt wird. Aus dem Textilen leitet sich also der Begriff Text ab. Das Wort „digital“ bedeutet „zum Finger gehörig, mit dem Finger“. Durch die Übernahme ins Englische wurde dem Digitalen die Tätigkeit des Zählens zugesprochen, wodurch heute „digital“ „etwas, das in Ziffern darstellbar ist“, meint.[21] Der ursprüngliche körperliche Zusammenhang des Wortes ist also verschwunden, wobei die Symbolik der Hand bzw. des Fingers auch heute noch im digitalen Arbeiten von Bedeutung ist. Zum Beispiel beim Verschieben von Dateien auf dem Computer, was oft durch eine kleine Hand symbolisiert wird.

Die Grundlage für textile Arbeiten bildet der Faden, der sich, guckt man sich die Rückseite einer Stickerei an (Abb.: 3), rhizomatisch verhält. Man erkennt Knoten und Nähte, die Spuren der Technik sind. Anders ist es bei einer digitalen Darstellung, die möglichst wenig von ihrer Grundlage offenlegen will und die mathematischen Verknüpfungen für einen Laien im Verborgenen lässt. Die digitale Bildverarbeitung besteht aus Bits und Pixeln, die aus Einsen und Nullen zusammengesetzt sind und die kleinsten darstellbaren Teile eines Bildes sind. „Das Pixel konstituiert einen Platz, an dem sich das Bit mit seinen Informationen einträgt.“[22] Die Gemeinsamkeit von digitaler und textiler Bildverarbeitung besteht in ihrer Oberfläche, die zunächst keinen Aufschluss über ihre Technik geben soll. Allerdings ist bei textilen Arbeiten die Möglichkeit gegeben, die Struktur der Verarbeitung zu erkennen. Ein anderer Unterschied ist das körperliche Involviertsein in den Verarbeitungsprozess. Während es zum Beispiel beim Sticken eine körperliche Komponente, z.B. Stiche in den Finger gibt, ist bei digitaler Arbeit lediglich Fingerspitzengefühl gefragt, wenn es um die Bedienung digitaler Geräte geht. Die performative Praktik des Stickens beeinflusst meinen Körper, der angestrengt ist durch das Sitzen und die Konzentration, die eine Stickarbeit erfordert. Gleichzeitig ist der Ort an dem ich mich der Handarbeit hingebe von Bedeutung. Wenn ich unter Leuten sticke, hab ich eine andere Konzentration als wenn ich alleine sticke. Gleichzeitig bin ich mir beim Sticken dieser Arbeit bewusst, dass ich Orte in eine Handarbeit transformiere, die für manchen Menschen mit Sexismus oder sexueller Gewalt in Verbindung stehen. Dieser Umstand wirkt sich wiederum auf meinen Körper aus. Durch die starke körperliche Verbindung zum textilen Objekt ist für mich die Übertragung der digitalen Karte in ein analoges Format nur folgerichtig. Schließlich ist das Thema Sexismus und sexistische Gewalt stark von körperlichen Reaktionen geprägt und Handarbeit eine feministische Praxis[23].  

 

 

Verstickte Koordinaten

Nachdem die gestickte Karte fertig war und nun 77 kleine rosa Kreuze auf einem weißen Stoff zu sehen waren, kam mir dieses Stück Stoff recht kontextlos vor und die einzelnen Punkte sehr verloren. Man kann zwar auf der Rückseite ein Rhizom erkennen (Abb.: 3) und durch diesen Text wird deutlich was die Markierungen bedeuten, doch fehlte mir trotzdem noch ein schlüssiger Zusammenhang.

Entgegen der Forderung von Deleuze und Guattari Rhizome zu bilden oder nach Harraway tentakulär zu denken und damit „asymmetrische Verflochtenheiten“[24] herzustellen, erstellte ich eine Liste mit den Koordinaten der Markierungen, die ich nun wieder auf ein Stück Stoff sticke. Koordinaten bestimmen zwar auch einen Ort, reproduzieren aber keine Ländergrenzen. Trotzdem sind sie konstruiert und folgen einer menschengemachten Logik. Diese Koordinaten zeigen den Ort sehr präzise an und sind damit sehr viel genauer als die Kreuze. Durch die Genauigkeit der Verortung, hab ich das Gefühl die Situation näher abbilden zu können. Außerdem finde ich den grotesken Umstand spannend, eine so persönliche und schmerzhafte Erfahrung in eine anonyme Liste zu transformieren.

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Abb.: 4, Screenshot der Koordinatenliste. Die Stickerei ist noch im Prozess.

Am Schluss der militanten Untersuchung gibt es also drei Formate: Eine kollektiv generierte digitale Karte, zwei Stickereien und diesen Text. 

 

Epilog // Karte, Stickerei und Text 

 

Zum Schluss möchte ich versuchen, die von Deleuze und Guattari formulierten vier Merkmale eines Rhizoms auf die drei Formate zu beziehen. Zum Einen wird von einer Konnexion ausgegangen, sodass jeder Punkt mit jedem anderen Punkt verbunden werden kann. Dies trifft wohl am ehesten auf die Stickerei zu, die auf der Rückseite ein solches Bild generiert (Abb.: 3). Außerdem kann man davon ausgehen, dass das Thema Sexismus sich mit weiteren Themen wie zum Beispiel Gender, Klasse oder Arbeitsbedingungen verbinden lässt. Zum Anderen wird unter Rhizomatik eine Heterogenität und damit ein Zusammenführen von verschiedensten Disziplinen verstanden, die sich in jedem Format wiederfinden lassen. Also zum Beispiel, das Zusammenführen von Sexismus und Karten, von Karten und Rhizomen und von Rhizomen und Handarbeit. Auch das Merkmal der Vielheit wird durch die Kollektivität der Karte eingelöst. Schließlich kann jede Person auf der Welt, die einen Zugang zum Internet hat eine Markierung setzen. Das letzte Merkmal beschreibt einen signifikanten Bruch, der sich vielleicht in diesem Text wiederfindet. Er kann an jeder Stelle ... 

... abbrechen und wieder anders zusammengesetzt werden, folgt dann allerdings keiner Logik mehr. Auch die digitale Karte ist immer modifizierbar und ist damit performativ. Schwierig ist es die Liste der Koordinaten als Rhizom zu begreifen, da jede Koordinate einen Anfang und ein Ende hat und einer klaren Struktur folgt. 

Durch die Herangehensweise die SexisMap in mit einem Rhizom zu vergleichen, sind alle Markierungen gleichgestellt und es kommt nicht zu Hierarchisierungen. Die Vielheit, die dadurch erzählt wird, kann empowernd sein. Die Praxis des Teilens ist hier der emanzipatorische Moment. Durch das Eintragen wird diese Vielheit erzeugt und bewirkt bei den Kartograf*innen eine Zusammengehörigkeit. Dabei entstehen keine Punkte, sondern Linien. Diese Linien können neue Perspektiven sein, die immer situiert sind, aber damit auch objektiv sein können. 

In der westlichen Kultur ist jede Erzählung über Objektivität eine Allegorie auf die Ideologie sowohl der Beziehungen dessen, was wir Körper und Geist nennen, als auch des Verhältnisses von Distanz und Verantwortlichkeit, die in die Wissenschaftsfrage im Feminismus eingebettet sind. Feministische Objektivität handelt von begrenzter Verortung und situiertem Wissen und nicht von Transzendenz und der Spaltung in Subjekt und Objekt.[25] 

Diesen Karten wohnt also eine feministische, situierte Objektivität inne. Die digitale Karte und die gestickten Markierungen und Koordinaten sollen einer Solidarität dienen, dich sich eventuell in einem Selbstverteidigungsworkshop für Frauen* zeigen verkörpern kann. Die Praktik dieses Workshops nennt sich „Wendo“ und basiert auf einer Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtstrukturen und einer erlernten Opferhaltung. In diesem Workshop könnte sich die Solidarität verkörpern und weitere Wurzeln schlagen. „Es gibt keine Punkte, es gibt nur Linien.“ [26] Mit diesem Zitat möchte ich den Text beenden, um unser Verbundenheit und Solidarität hervorzuheben. Sexismus ist ein strukturelles Problem und wir können uns verbinden, um uns zusammen dagegen zu stellen. Let's fight tentacular! 

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Quellen:

 

Deleuze, Gilles, Guattari, Félix: Rhizom, Merve Verlag, Berlin, 1977

Gaugele, Elke : Revolutionäre Strickerinnen, Textilaktivist_innen und die Militarisierung der Wolle. Handarbeit und Feminismus in der Moderne. In: Critical Crafting Circle (Hg.): Craftista! Handarbeit als Aktivismus, Ventil Verlag KG, Mainz, 2011

Harrasser, Karin : Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns, Camus Verlag, Frankfurt am Main, 2017

Harraway, Donna J.: Situiertes Wissen, in: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 1995

Harraway, Donna J.: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Campus Verlag, Frankfurt am Main,  2018

Kern-Foster, Iris: Kooperative Karten. In: Reder, Kartographisches Denken, Springer Verlag, Wien, 2012

Klettner, Silvia, Schmidt, Manuela : Visualisierung von Emotionen im Raum. In: Christian Reder (Hg.): Kartographisches Denken, Springer Verlag, Wien, 2012

Kollektiv Orangotango+: THIS IS NOT AN ATLAS. A global collection of counter-cartographies, transcript Verlag, Bielefeld, 2018

Lösel, Regina : Gewebte Information. Vergleichende Überlegungen zu textilen und digitalen Medien. In: Gabriele Mentges (Hg.) Kulturanthropologie des Textilen. Textil – Körper – Mode, edition ebersbach, Berlin, 2005

Marx, Karl, Engels, Friedrich : Werke (Band 19, 4. Auflage), Dietz Verlag, Berlin, 1973

http://www.fluchtgrund.de/2016/10/kolonialmaechte-zogen-willkuerlich-grenzen-heutige-folgen-in-afrika/3/ (aufgerufen am 24.07.2020)

https://www.google.com/maps/d/u/1/editmid=10DtzBDwA9dlEHY318yjUvXpAKelTgvX3&ll=42.89603635400209%2C-0.13775447663365625&z=4

 (aufgerufen am 05.09.2020)

Fußnote:

[1]https://www.google.com/maps/d/u/1/edit?mid=10DtzBDwA9dlEHY318yjUvXpAKelTgvX3&ll=42.89603635400209%2C-0.13775447663365625&z=4 (aufgerufen am 05.09.2020)

[2] Karl Marx, Friedrich Engels: Werke (Band 19, 4. Auflage), Dietz Verlag, Berlin, 1973, S. 230 ff.

[3]Kollektiv Orangotango+: THIS IS NOT AN ATLAS. A global collection of counter-cartographies, transcript Verlag, Bielefeld, 2018, S. 12

[4]Vgl.: Kollektiv Orangotango+: THIS IS NOT AN ATLAS, S. 13

[5]Deleuze, Guattari: Rhizom, Merve Verlag, Berlin, 1977, S. 12

[6]Vgl.: Ebd.: S. 13 ff.

[7]Deleuze, Guattari: Rhizom,  S. 21

[8]Ebd.: S. 25

[9]Vgl.: Ebd.: S. 35

[10]Ebd.: S.  41

[11]Donna J. Harraway:  Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Campus Verlag, Frankfurt am Main,  2018, S. 49f.

[12]Silvia Klettner, Manuela Schmidt: Visualisierung von Emotionen im Raum. In: Christian Reder (Hg.): Kartographisches Denken, Springer Verlag, Wien, 2012, S. 398

[13]Donna J. Harraway: Situiertes Wissen, S. 87

[14]Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom,  S. 37

[15]Iris Kern-Foster: Kooperative Karten. In: Reder, Kartographisches Denken, S. 371

[16]http://www.fluchtgrund.de/2016/10/kolonialmaechte-zogen-willkuerlich-grenzen-heutige-folgen-in-afrika/3/ (aufgerufen am 24.07.2020)

[17]Donna J. Harraway: Situiertes Wissen, in: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 1995, S. 96

[18]Vgl.: Kollektiv Orangotango+: THIS IS NOT AN ATLAS, S. 13

[19]Vgl.: Ebd.: S. 16

[20]Ebd.

[21]Vgl.: Regina Lösel: Gewebte Information. Vergleichende Überlegungen zu textilen und digitalen Medien. In: Gabriele Mentges (Hg.) Kulturanthropologie des Textilen. Textil – Körper – Mode, edition ebersbach, Berlin, 2005 S. 374 f.

[22]Regina Lösel: Gewebte Information, S. 378

[23]Während es die Auffassung gibt, Handarbeit sei mit „der“ Frau* in einem häuslichen Kontext verstrickt und nicht unbedingt mit feministischem Aktivismus, zeigen historische Ereignisse eine andere Entwicklung. Die Tricoteuses (dt. Strickerinnen) brachten mit ihren Strickarbeiten während der französischen Revolution ihre politische Haltung zum Ausdruck. Sie nahmen unter anderem am 5. und 6. Oktober 1789 am „Zug der Frauen“ nach Versailles teil, um den französischen König zur Verhaftung nach Paris zu treiben. Außerdem wirkten sie bei der Errichtung der Jakobinerherrschaft mit und bekamen dafür 40 Plätze auf der Zuschauer*innentribüne des jakobinischen Konvents. Allerdings hatten sie kein Stimm- oder Mitspracherecht. Vier Monate nach der Machtübernahme der Jakobiner wurden jedoch alle Frauenclubs wieder geschlossen. Am 22. Dezember 1793 wurde an die Tricoteuses appelliert, bei einer patriotischen Bürger*innenfeier öffentlich zu stricken. „Der Rat hält fest, dass die patriotischen Bürgerinnen des 5. und 6. Oktober bei allen Bürger[*innen]feiern einen besonders gekennzeichneten Platz haben werden.[...] Und sie werden mit ihren Ehegatten und Kindern teilnehmen und sie werden stricken.“

     Handarbeit lässt sich also historisch im feministischen Kontext verorten. „Durch das öffentliche Stricken verschafften die Frauen ihrem revolutionären Aktivitäten eine symbolische Präsenz, die sich gleichzeitig mit den Codes weiblicher Produktions- und Hausarbeit verschränkt.“

     Der Aktivismus der Tricoteuses zeigt einen Zusammenhang zwischen Feminismus und Handarbeit.

     (Gaugele, Elke : Revolutionäre Strickerinnen, Textilaktivist_innen und die Militarisierung der Wolle. Handarbeit und Feminismus in der Moderne. In: Critical Crafting Circle (Hg.): Craftista! Handarbeit als Aktivismus, Ventil Verlag KG, Mainz, 2011)

[24]Karin Harrasser: Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns, Camus Verlag, Frankfurt am Main, 2017, S. 12

[25]Donna J. Harraway: Situiertes Wissen, S. 82

[26]Deleuze, Guattari: Rhizom, S. 13