Ich bin (un)-sichtbar

Judith Grytzka

Ich werde übersehen. Auf der Straße, in der U-Bahn, im Club, zwischen meinen Freund*Innen, zwischen Fremden, beim Bäcker, allein in einem leeren Raum. Das Gefühl nicht gesehen zu werden, ungewollt in der Masse unterzugehen, begleitet mich schon eine lange Zeit. Es wird zu einem Charakterzug, den ich hasse und gleichzeitig immer als Schutz vor mir hertrage. Bin ich es, die nicht gesehen wird, oder sehe ich nicht, dass andere mich sehen? Bin ich es, die nicht gesehen wird, oder bin ich es, die nicht gesehen werden will? Wie bedingt der „Charakterzug“ meine Erscheinung?

Es gibt verschiedene Ratgeber für unterschiedliche Bereiche mit unzähligen Tipps, wie ich als Einzelperson aus einer Masse heraussteche, wie ich als Frau von einem Mann bemerkt werde, wie ich als Mensch von anderen Menschen gesehen werde.

In seinem Buch Körpersprache beschreibt der Pantomime Samy Molcho, dass Reaktionen und Handlungen auf die Aufnahme von Informationen über Körpersignale reagieren. „Ändere deine Einstellung zu den Menschen, und die Menschen ändern ihre Einstellung zu dir.“[1] In jeder Begegnung trittst du mit deinem Gegenüber in eine Beziehung. „Auf der Ebene der Körpersignale reagieren und agieren die Menschen über alle Sozialschichten und Kulturkreise hinweg ähnlich oder analog.“[2] Die Körpersprache scheint also, nicht immer bewusst, aber mindestens unbewusst von fast allen Menschen verstanden werden. Die Körpersprache ist eine Sprache, die genauso erlernt werden kann wie jede gesprochene Sprache. Je mehr Kontrolle ich über meinen Körper habe, desto mehr kann ich auch beeinflussen, wie ich wahrgenommen werde.

In meinem ersten Studienjahr hatte ich einen sehr kurzen Job als Wegweiserin bei einem Festival. Die Veranstaltungsorte lagen überall in der Stadt verteilt, doch die Aufführungen waren zeitlich sehr dicht getaktet. Um die Besucher*Innen pünktlich zu den gewünschten Veranstaltungen zu führen, stand ich vor einer U-Bahn-Station ausgestattet mit einer Warnweste mit und einem Schild. In dieser Situation spielten einige Faktoren gegen mich als Wegweiserin. Erstens handelte es sich bei meinem Standort um eine große U-, S-Bahn und Bus-Station, wo nicht nur ein reger Durchgangsverkehr herrschte, sondern viele Menschen auch an Haltestellen warteten. Um nicht in der Masse unterzugehen, musste ich mir einen Ort suchen, der gut sichtbar und nicht zu stark frequentiert war. Zweitens, das Festival fand im Frühjahr statt und die Veranstaltungen starteten zeitlich meist am Nachmittag. Das heißt ab einer bestimmten Uhrzeit wurde es dämmrig und ich als Wegweiserin war immer weniger zu sehen. Ich stand schon eine ganze Weile vor der Station, als die ersten Besucher*Innen kamen. Eine weitere Anweisung, die wir erhalten hatten, hieß: „Wenn Menschen hilflos und suchend aussehen, sprecht sie an und erklärt ihnen den Weg.“ Das Problem mit dieser Anweisung war, die meisten Menschen, die aus einer Station kommen schauen suchend. Ich war keine gute Wegweiserin. Die meisten Menschen sahen mich nicht oder erst als sie suchend aus der falschen Richtung wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkamen. Was ist in dieser Situation falsch gelaufen? Wurde ich übersehen? Habe ich mich zu klein gemacht? War es zu voll? Oder reflektierte meine Körperhaltung meine schwindende Motivation? Dies ist keine Geschichte einer Niederlage, die meisten Besucher*Innen haben es pünktlich zu den Events geschafft. Vielleicht ist diese Geschichte auch nur eine gute Geschichte in der Kategorie „Merkwürdige schlechte Jobs.“ Trotzdem war es kein gutes Gefühl für mich. Obwohl ich die Person sein sollte, die anderen Menschen bei der Suche hilft, habe ich mich selbst komplett verloren und übersehen gefühlt.

Ich habe mir nach dieser Erfahrung oft die Frage gestellt, ob es an meinem Aussehen liegt. Bin ich nicht groß genug? Oder verfalle ich doch in das Klischee: nicht „blond“ genug oder zu „blond“? Wie kann ich aus der Masse hervorstechen? Die Internetseite karrierebibel.de gibt auf diese Frage folgende Tipps: „Übernehmen Sie Verantwortung“, „Zeigen Sie Eigeninitiative“, „Bleiben Sie hilfsbereit“ „Machen Sie mehr als andere“[3]. Schenke ich diesen frei zugänglichen Tipps Vertrauen, dann muss ich nur mein Auftreten ändern, um mich von der Masse abzuheben.

Auf der anderen Seite habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass ich gesehen werde in Momenten der Schwäche, in Momenten, wo ich nicht gesehen werden will. Der ganze Körper überzogen von einer flammend roten Schuppenflechte war ich ausgestellt. Alle Blicke, die ich sonst so vermisste, waren auf mir. Ich stach aus der Masse raus, weil es etwas an mir gab, dass mich von der Masse unterschied. Ich wurde angesehen, weil ich anders aussah. Was muss ich also verändern, mein Aussehen oder mein Auftreten? Und wie will ich gesehen werden, als was? Ausgestellt werde ich selbst zu einem Objekt, aber gesehen werden will ich als Subjekt!

In ihrem Buch Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert beschreibt die Autorin Caroline Criado-Perez, wie die Belange und Bedürfnisse der Frauen systematisch übersehen werden. Den Grund dafür sieht Criado-Perez in geschlechterbezogenen Lücken in wissenschaftlichen Daten, dem Gender Data Gap.[4] Sie beschreibt es als Schweigen, was sich durch alle Bereiche des öffentlichen und kulturellen Lebens zieht, von der Stadtplanung bis zu Schulbüchern. Ausgegangen werde von einem männlichen Prototyp, an dem alles gemessen wird, so komme es zu Verzerrungen zugunsten der Männer.[5] Doch wie kann es zu so einem Missverhältnis kommen, immerhin besteht die Hälfte der Menschheit aus Frauen. Wieso werden die Belange der Hälfte der Menschheit ignoriert oder übersehen?

Auf einem Symposion über primitive Jäger-Sammler-Gesellschaften und Sitten im Jahr 1966 wurde der männliche Jäger als Vorreiter der menschlichen Evolution gesehen. Criado-Perez stellt mit Blick auf dieses Ergebnis die berechtigte Frage: 

„Wenn aber „unser Intellekt, unsere Interessen, Gefühle und Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens alle das evolutionäre Produkt der erfolgreichen Anpassung an die Jagd“ sind, was bedeutet das für das Menschsein der Frau? Wenn die menschliche Evolution von Männern vorangetrieben wird – sind Frauen dann überhaupt Menschen?“[6] 

Die Gleichsetzung von Mann und Mensch ist nicht nur eine Illusion, sondern bekanntlich auch in der deutschen Sprache festgelegt durch das generische Maskulin, als die Verwendung männlicher Begriffe auf geschlechtsneutrale Weise. Doch in den meisten Fällen wird das generische Maskulin nicht generisch interpretiert.[7] Es kommt zu einem Ungleichgewicht. Der Mann wird zum Maßstab, die Frau wird in den meisten Fällen nicht mitgedacht. 

Hier ist es vielleicht wichtig zu erwähnen, dass die deutsche Sprache generell von einem binären System ausgeht. Nicht nur wird im generischen Maskulin der Mann zum Maßstab, die Deutsche Sprache in sich ist nicht ausgelegt dafür, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt. In so einem System wird das Übersehen zum Standard. 

Die US-amerikanische Anthropologin Sally Slocum stellt in ihrem Essay Woman the Gatherer in Bezug auf den Mann als Jäger eine einfache Gegenfrage: „Was machten die Frauen, während die Männer auf der Jagd waren?“ Ihre Antwort: Sie sammelten, sie kümmerten sich um die Kinder.[8] Slocums Frage scheint eine logische Frage in Bezug auf den Forschungsgegenstand zu sein, um diesen zu vervollständigen, doch dieser Schein trügt. Die Frage nach den Frauen wird viel zu selten gestellt. Viel zu oft werden die Frauen zur Nebensache erklärt. 

In ihrem Text Can the Subalter Speak? thematisiert Gayatri Chakravorty Spivak das Archiv als Hort der Macht, wo die Spuren der Subalternen entstellt und verzehrt werden. “Die wenigen weiblichen Namen, die das koloniale Archiv verzeichnet, [wurden] durch die Ignoranz der Briten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt […]“ [9] 

Das Archiv als ein Hort der Macht bestimmt, welches Wissen übertragen wird. Welche Namen, welche Geschichten erhalten bleiben, erinnert werden. In den Archiven der Welt gibt es Lücken. Mit diesen Lücken beschäftigt sich auch der Text Venus in Two Acts von Saidiya Hartmann. Sie beschreibt den Versuch der Erzählung der Geschichte von zwei Frauen, die als Sklavinnen auf einem Schiff auf der Middle Passage starben. Hartmann beschreibt ihren Weg, wie sie sich diesen Frauen näherte, aber auch über die Entscheidung keine Geschichte zu schreiben, um das Schicksal zu erfinden, sondern umzugehen mit den fehlenden Informationen. Die Lücke im Archiv wird zur Geschichte selbst, zu einer Erzählung von Gewalt und Macht, die sich durch die Lücke im Archiv fortsetzt. 

Caroline Criado-Perez organisierte 2013 eine Crowdfunding Kampagne nachdem die Bank of England verkündet hatte sie wolle auf den 5-Pfund-Scheinen das Bild von Elizabeth Fry, eine britische Gefängnisreformerin, durch eines von Winston Churchill ersetzen.
Diese Entscheidung hatte zur Folge, dass auf keiner der aktuellen Pfundnoten eine Frau zu sehen war. Criado-Perez war erfolgreich mit ihrem Protest, so verkündete die Bank of England, dass ab 2017 das Portrait von Jane Austen auf dem 10-Pfund-Schein zu sehen seien werde. Doch diesem Erfolg war ein intensiver Streit vorausgegangen, denn zunächst verteidigte die Bank of England ihre Entscheidung vehement mit dem Argument, die Persönlichkeiten auf ihren Banknoten seien nach objektiven Kriterien ausgewählt worden. Criado-Perez kommentiert dieses Vorgehen in ihrem Buch wie folgt: „Die historischen Geschlechterlücken 
in den wissenschaftlichen Daten macht es für Frauen weitaus unwahrscheinlicher, diese „objektiven“ Kriterien zu erfüllen.“[10]

Die Arbeit und der Verdienst von Frauen verlaufen häufig im Verborgenen. Es ist kein Einzelfall und es wird vermutlich auch keiner bleiben, dass die Arbeit von Frauen unter dem Namen ihrer Ehemänner, männlicher Verwandten oder männlicher Vorgesetzter veröffentlicht wird. 

Felix Mendelssohn-Bartholdy veröffentlichte 6 Stücke seiner Schwester Fanny Hensel unter seinem Namen.[11]
Die Werke der niederländischen Malerin Judith Leister, einer der ersten niederländischen Frauen, die einer Künstlergilde angehörte, wurden ihrem Mann Jan Miense Molenaer oder ihrem Lehrer Frans Hals zugeschrieben.[12]

Ein weiteres bekanntes Beispiel dieser Art ist Rosalind Franklin. Ihre Röntgen-Experimente und Zellvermessungen werden heute als maßgeblich und grundlegend für die Arbeit von James Watson und Franscis Crick zur Entdeckung der DNA angesehen, für die diese den Nobelpreis erhielten. Das Bild von Rosalind Franklin wurde deutlich geprägt durch Watsons Buch „Die Doppelhelix“ in der er die Geschichte der Entdeckung der Doppelhelix-Struktur der DNA aus seiner Sicht beschreibt. Obwohl Watson zwischen den Zeilen die wissenschaftliche Arbeit von Rosalind Franklin würdigt – immerhin beschreibt er, dass er ohne das Wissen Franklins ihre Teile ihre Arbeit verwendete – entwirft er ein negatives Bild von Rosalind Franklin als Frau. Er denunziert sie als unattraktiv und reduziert sie damit auf ihre äußere Erscheinung. Obwohl bekannt ist, welchen wichtigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Beitrag Rosalind Franklin geleistet hat, bleibt ihr Bild geprägt von dieser Darstellung.[13]

Wie wir uns darstellen, bestimmt, wie wir wahrgenommen werden. Wie andere uns darstellen, bestimmt auch, wie wir wahrgenommen werden. Es wird deutlich, dass das öffentliche Bild nicht bloß bestimmt wird von Auftreten und Aussehen. Es ist abhängig von einem gesellschaftlichen Bild, welches geprägt ist durch Geschichtsschreibung, durch Darstellungen in Filmen, Zeitungen und Fernsehen.

  

Wieso werde ich übersehen? Wieso war ich keine erfolgreiche Wegweiserin? Wieso werde ich an der Bar nicht bedient? Natürlich gibt es auf diese Fragen keine einfache Antwort. Doch deutlich ist, ich bin damit nicht alleine. Ich lebe in einer Gesellschaft, wo es eine strukturelle Benachteiligung von Frauen gibt, vor allem lebe ich in einer Gesellschaft, wo es eine strukturelle Benachteiligung des Fremden, des Anderen gibt. Die Frage für mich muss also sein: wann gehöre ich zu diesem Anderen, zu dem Fremden und wann auch nicht? In welcher Situation, in welcher Gruppe bin ich „Initativberechtigt“? 

Die Lektüre von Criado-Perez Buch ist nicht nur aufschlussreich, sie macht auch wütend. Wütend, dass die Belange der Frauen nicht gesehen werden. Wütend, dass die Welt am Mann und nicht am Menschen gemessen wird. Doch diese Wut schult auch die Aufmerksamkeit, die Wahrnehmung für Ungerechtigkeit. Sie schafft Argumente. 

Wieso fragen wir nicht, was die Frauen in der Urzeit gemacht haben, während ihre Männer jagen waren? Wieso ist es für uns klar, dass die Frau daheim am Feuer saß und der Mann den Büffel jagte? Familie Feuerstein hat es gezeigt: im Grunde hat sich das gesellschaftliche Bild in den letzten Jahrtausenden nicht verändert. Sollte es nicht stutzig machen, dass eine Zeichentrickserie aus den 60ern unser Bild von der Urzeit so prägt? Die Archäologieprofessorin Brigitte Röder sagt, dass die Rollenverteilung, die wir auch mit der Steinzeit assoziieren auf die Idealvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zurück gehe.[14] Wir folgen gesellschaftlichen Bildern, die auf Forschung basieren, auf einer wissenschaftlichen Analysen Doch wie wir alle wissen, ist auch in der Wissenschaft die Objektivität ein unerreichbarer Idealzustand. Bewiesen ist, dass es nicht bewiesen ist, dass die Frauen in der Urzeit nur am Feuer saßen. „Es gibt keinen Grund auszuschließen, dass Frauen auch in der Urgeschichte gejagt haben.“[15] Höhlenmalereien, die ein Beweisstück in der Argumentation des starken Mannes sind, wurden nach neuen Analysen zum größten Teil von Frauen gefertigt.[16] Das Argument: der männliche Höhlenmaler konnte die Tiere nur deshalb so gut malen, weil er sie während der Jagd studierte, ändert seinen Kurs und wird zu einem Beweis für die aktive Beteiligung der Frau an der Jagd. 

„In dieser Gleichzeitigkeit liegt die Ironie des Frauseins: Frauen sind hochgradig sichtbar, wenn sie als das untergeordnete Geschlecht behandelt werden, aber unsichtbar, wenn es wirklich zählt – wenn es nämlich darum geht, gezählt, also wissenschaftlich erfasst, zu werden.“[17]

Ich bin eine Frau. Aber vor allem bin ich eine weiße Frau mit einem deutschen Pass. Meine Sichtbarkeit ist beeinflusst von meinem weiblichen Aussehen, aber doch sehr viel mehr von meiner weißen Hautfarbe. Die Entscheidung, wie sichtbar ich sein möchte, liegt in vieler Hinsicht in meinen eigenen Händen. Obwohl eine Kategorisierung für Menschen schmerzhaft ist, sind die Kategorien, in die ich falle, dennoch keine Hürde für mich. Ich kann diese Kategorien nutzbar machen. Die Frage sollte also nicht lauten, warum werde ich übersehen, sondern: wie profitiere ich davon übersehen zu werden? Wie kann ich das Gesehen und Übersehen nutzbar machen? Denn in unserer Gesellschaft ist für mich sowohl Sichtbarkeit als auch Unsichtbarkeit ein Privileg.[18]

In einer ersten Version dieses Textes habe ich nicht ein einziges Mal gegendert. Ich könnte jetzt eine Vielzahl an Gründen dafür nennen. Doch Fakt bleibt, dass ich es nicht gemacht habe. Dass ich beim Planen, Strukturieren und Schreiben dieses Textes das Gendern nicht mitbedacht, nicht mitgedacht habe. Es war zu diesem wichtigen Zeitpunkt noch kein Teil des Textes. Mit dieser Unachtsamkeit habe ich in meiner Arbeit über das Unsichtbarsein, über das Übersehenwerden selbst etwas sehr Wichtiges übersehen. Ich habe selbst mit meinen Worten nicht alle Menschen adressiert. Mit dieser Unachtsamkeit reihe ich mich ungewollt ein in eine Gruppe von Autor*Innen, die sich vehement wehren gegen eine Gendergerechte Sprache mit der Begründung, der Sprachfluss werde unterbrochen. Auch die GfdS [19] hält das Gendersternchen für kein „geeignetes Mittel für [eine] diskriminierungsfreie Sprache.“[20] Da das Gendersternchen nicht vereinbar sei mit den Regeln der deutschen Rechtschreibung, den Sprachfluss störe und zur Verwendung falscher grammatikalischer Formen führe.[21] 

Doch vielleicht ist es wichtig über die Wörter zu stolpern. Um auf etwas Neues hinzuweisen bedarf es bei Zeiten einer besonderen Aufmerksamkeit. Problematisch ist doch nicht die grammatikalische Schwierigkeit oder die veränderte Form des Vorlesens. Problematisch ist die Verwirrung und der Wunsch nach dem einen richtigen Weg. Die Sprache ist kein festes Konstrukt, sondern wandelbar. Aber Sprache ist auch Macht und so lange wir eine generisch maskuline Sprache verteidigen, bleibt die Macht sehr klar auf einer Seite. Wir können und sollten sie neu formen. Dabei können wir selbst entscheiden, wie wir in unseren Texten einen nicht-diskriminierenden Ton anschlagen, sei es durch das Gendersternchen, durch Relativsätze oder Passivierungen. Doch sollte keine grammatikalische Regel der Grund werden, dass wir Menschen übersehen, dass wir Menschen nicht mitdenken in der Formulierung der Texte. Die Sprache sollte flexibel und individuell sein und nicht ausgrenzen.

Wann bin ich unsichtbar? Wann bin ich sichtbar? Wann bin ich „Initativberechtigt“? Ich werde übersehen. Auf der Straße, in der U-Bahn, im Club, zwischen meinen Freund*Innen, zwischen Fremden, beim Bäcker, allein in einem leeren Raum. Ich werde an der Bar nicht bedient, viele Menschen vergessen meinen Namen. Ich bin keine erfolgreiche Wegweiserin. Ich kann in der Masse untergehen. Wenn ich will, passe ich ins Bild. Wenn ich will, bin ich „Initativberechtigt. Wenn ich will, bin ich sichtbar. Wenn ich will, bin ich unsichtbar. 

Fußnoten:

1 Samy Molch: Körpersprache. München 1983, S. 17.

2 Samy Moloch: Körpersprache München 1983, S. 41. 

4 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. München 2020, S. 11.
5 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, S. 18.
6 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, S. 17f. 

7 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, S. 21.

8 Sally Slocum: Women the gatherer. Male bias in Anthropology. In: Reiter, Rayna R. (Hg.): Toward an Anthropology of Woman. Monthy Review Press 1975.

9 Hito Steyerl: Gegenwart der Subalternen. In: Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Wien/Berlin 2020, S. 10. 

10 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, S.36.

11 Mark Savage: Belated premiere for Fanny Medelssohn. BBC News. (https://www.bbc.com/news/entertainment-arts-39191514, Zugriff am 05.09.2020).

12 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, S.37.13 Vgl. 

14 Bangeter, Annika: Gegen das Klischee der Steinzeit: Jagen war nicht nur Männersache. Interview mit Brigitte Röder. Tagblatt 26.03.2019. [Aufgerufen am 21.10.2020].
15 Bangeter, Annika: Gegen das Klischee der Steinzeit: Jagen war nicht nur Männersache. Interview mit Brigitte Röder. Tagblatt 26.03.2019. [Aufgerufen am 21.10.2020]. 

16 Julia Voss: Frauen, die Großwild jagen. Faz.net 19.04.2015. (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geschlechterrollen-frauen-die-grosswild-jagen-13527693.html, Abgerufen am 25.10.2020). 

17 Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, S. 414.

18 Vgl. dazu: Sushila Mesquita: Heteronormativität und Sichtbarkeit. In: Rainer Bartel et. al. (Hrsg.) Heteronormativität und Homosexualitäten. Innsbruck: Studienverlag 2008. S. 129-148.

19 Die Gesellschaft für deutsche Sprache. (https://gfds.de)

20 o.A.: Gesellschaft für deutsche Sprache hält Gendersternchen für ungeeignet. Zeit Online 13.08.2020 (https://www.zeit.de/kultur/2020-08/gendergerechte-sprache-gendersternchen-gesellschaft-fuer-deutsche- sprache, Abgerufen am 25.10.2020).

21 o.A.: Die GfdS zum Thema Gendersternchen. Die Position der GfdS zur Verwendung des Gendersternchens. (https://gfds.de/gendersternchen/, Abgerufen am 25.10.2020).