Dear Madame Realism

- Briefe an einen fiktiven Charakter

Carolin Charlotte Pfänder

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19. August 2020

Liebe Madame Realism, 

mit nervösen Fingern tippe ich diesen Brief 

seit ich dich aus der Ferne kennengelernt habe, bin ich begeistert von deinen Gedanken und Vorstellungen über Kunst und die Welt, in der du dich bewegst. Ich denke das Du ist hier angebracht. Alles andere fühlt sich nicht richtig an - und nicht nach dir. Es ist schwierig zu sagen, wer du eigentlich bist. Ein Konstrukt, das in meiner Imagination mit meinen persönlichen Vorstellungen darüber, wie du sein könntest, gefüllt wird - eine Vermischung von Realität und Fiktion würde ich sonst sagen, allerdings bist du reine Fiktion. Dich gibt es nicht als eine eigenständige Person, sondern nur als einen fiktiven Charakter, dessen Gedanken mir zugänglich gemacht wurden. Und dennoch möchte ich versuchen eine Beziehung zu dir aufzubauen, indem ich der Idee deiner Entstehung folge: Eine Schreibpraxis als ein kritisches Nachdenken, ohne dabei auf ein akademisches Wissen und dessen Regelwerk angewiesen zu sein. Es geht um einen Prozess des Denkens, welches eine neu entstandene Freiheit mit sich bringt. Der Titel von Susan Sonntags Tagebüchern lautet schließlich auch: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Durch dich habe ich angefangen darüber nachzudenken, wie ich bisher im wissenschaftlichen Kontext geschrieben habe und was mir in dieser Art des Schreibens gefehlt hat. Wie kann ich meine Perspektive einfließen lassen? Für wen schreibe ich meine Gedanken auf - für eine akademische Kunst- und Kulturwelt, oder adressiere ich auch Menschen wie dich und mich? Ist das vielleicht der Grund warum ich dir schreibe? Ich werde es im schreibenden Nachdenken herausfinden. 

 

Du hast einmal von einer Ausstellung berichtet in der Besucher:innen die Gesichter eines Gemäldes mit Penissen und Vaginas verglichen - du dachtest dabei, es könne nur ein Werk von Picasso sein. Ganz klar, denn Renoir konnte es nicht sein. Du betrachtetest Pierre-Auguste Renoirs Sleeping Girl (Girl with a Cat) von 1980 und für dich sahen seine gemalten Ellbogen aus wie Brüste und/oder Pfirsiche. Später warst du wieder zu Hause und umgabst dich mit deinem Vertrauten: deiner Katze, ganz viel Käse, ein kühles Bier und deinem Fernsehen. Ab diesem Moment wusste ich, dass du die richtige Ansprechpartnerin bist, um meine Gedanken zuteilen. Du kehrst immer wieder zurück zu dem was in dir Vertrautheit auslöst und das ist ein wichtiger Teil eines Phänomens, über das ich gerade nachdenke. Und du interessierst dich für Kunst und Darstellungsweisen, obwohl du eine Couch Potato bist - darin erkenne ich mich manchmal wieder. 

Bei deinen Gedanken zu Renoir musste ich an das Festival of Living Art in der Dramen- und Comedy-Serie Gilmore Girls von Amy Sherman-Palladino und Daniel Palladino (2000 - 2007) denken. Lorelei Gilmore stellt dabei die tanzende Frau aus Renoirs Dance at Bougival (1883) dar und verfällt aus Angst, erneut zu zucken, in Panik. Zum Leid der Bewohner:innen der Kleinstadt Stars Hollow beginnt just in diesem Moment des offenen Vorhangs der Babypieper von Loreleis bester Freundin, Sookie St. James, zu klingeln - die Spannung steigt. Wird es Lorelei gelingen im Freeze zu bleiben? Sie schafft es und alle Beteiligten können aufatmen. Ich hatte die Folge kurz zuvor gesehen und dann deine Beschreibung über Renoirs Ellbogen gelesen. Dieser Satz hätte auch von Lorelei stammen können, denn ihr vom Kaffee aufgeputschtes quirliges Wesen liebt es schlagfertig und witzig zu sein und stets ihre Kommentare mit Querverweisen zu Literatur, Musik und vor allem Film- und Fernsehformaten zu schmücken. Ebenso ihre Tochter Rory, die wir als eine intelligente, schüchterne und lesebesessene Jugendliche im zarten Alter von 16 Jahren kennen lernen. Ihre Mutter hat sie in genau diesem Alter bekommen, daher haben die alleinerziehende Mutter und die jugendliche Tochter eine besonders innige und in erster Linie freundschaftliche Beziehung miteinander. Um ihren Dialogen zu folgen, braucht man mindesten drei Tassen Kaffee intus oder wahlweise einen Martini. 

Warum ich dir das erzähle, obwohl du mir noch nie begegnet bist?
Dein kleines, vertrautes und alltägliches Ritual, Abends auf dem Sofa mit einem alkoholischen Getränk, Snacks, jemanden zum kuscheln und TV ist eine Routine, die nicht nur du für dich entdeckt hast, sondern sehr viele Menschen. Um den Alltag abzuschütteln, verfestigen sich diese Orte und kleinen Rituale des Wohlfühlens. Wir suchen in diesen Ritualen einen Ruheort, der uns dennoch unterhält. 

Ich habe beispielsweise gute Freunde, die ich regelmäßig treffe - meistens von meinem Sofa aus, denn sie sind nicht real und doch verbringe ich unendlich viele Stunden mit ihnen. Ich spreche von Lorelei und Rory Gilmore und von Monica, Rachel, Phoebe, Chandler, Joey und Ross aus der Sitcom Friends von David Crane und Marta Kauffmann (1994 - 2004). Denn ja, ich betrachte diese fiktiven Serienfiguren mittlerweile als so etwas wie Freunde. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr beschäftigte ich mich mit dem Phänomen des Comfort Binge Watching. Die Autorin Alexis Need bezeichnete so diejenigen Serien, zu denen wir immer wieder zurückgreifen, obwohl wir sie schon kennen und dennoch wiederholt durchsehen. Der Begriff des Binge Watching heißt nichts anderes, als mehrere Serienfolgen hintereinander zu schauen - in kürzester Zeit eine Serie, mit kaum Pausen, durchzuschauen. Ein Phänomen in der heutigen Zeit, da wir nicht mehr jede Woche auf eine neue Folge warten müssen. Unser Zugriff auf Unterhaltungsmedien hat sich durch den technischen Fortschritt verändert. Netflix, Amazon und Co. (es sind ja mittlerweile so viele geworden) bieten als Streaming Plattformen eine große Auswahl an Serien und Filmen. Das gemeine dabei ist, man muss sich nicht einmal vom Sofa wegbewegen oder die Fernbedienung in die Hand nehmen, um die nächste Folge anzuschauen - die automatische Wiedergabe verführt einen dazu, einfach sitzen zu bleiben und ohne großen Aufwand die nächste Folge zuschauen.

Ich möchte dir also schreiben, während ich über dieses Phänomen nachdenke und dich an meinem Denkprozess teilhaben lassen. Chris Kraus schreibt in I love Dick, welches Buch gemeinsam mit Maggie Nelsons Die Argonauten die Inspirationsquelle für unsere zukünftige Korrespondenz ist, dass die Arterien der schreibenden Hand und des schreibenden Arms direkt in das Herz führen. Sie spricht davon, dass das Schreiben zum Geist ihres früheren Selbst zurückkehre und setzt es im Gegenwärtigen in Bezug - das Selbst sei nicht fixiert, es existiere einfach und indem sie schreibe, könne man diese Bewegung kartografieren. Auch wenn die Wahrheit sich unablässig verändere, während man versuche sie niederzuschreiben. Ich mag die Idee, meine Denkprozesse und deren Bewegungen, die unabdingbar mit meinem Selbst verknüpft sind, festzuhalten oder gar durch die Schrift - Buchstaben auf weißem Papier - zu kartografieren. Losgelöst den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen um herauszufinden, wohin sie ziehen und welche Form sie am Ende unserer Korrespondenz annehmen werden. Ein bisschen aufregend, findest du nicht auch?

Rory erklärt in einer Folge, woher ihr Name kommt. Sie heißt eigentlich Lorelei wie ihre Mutter. Lorelei hat ihre Tochter nach sich Selbst benannt, da sie damals dachte, wenn Jungs nach ihren Vätern benannt werden, dann könne eine Mutter ihre Tochter genauso nach sich benennen. Lorelei beschreibt, ihre feministische Ader hätte sich gemeldet, aber Rory glaubt, sie hatte zu viel Schmerzmittel.

Das Zucken und Pochen der feministischen Ader führt mich auch an eine neue Perspektive heran. Denn wie Chris Kraus bereits schreibt, das Selbst sei nicht fixiert, so verändern sich stetig meine Gedanken über die Serien, die ich immer wieder schaue. Linda Nochlin benutzte die Methode des (Re)Readings, um ihren weiblichen Blick und feministische Perspektive in die Rätsellösung um Couberts Allegorie zu integrieren. Auch ich werde mein heutiges Selbst befragen: In welcher Beziehung stehe ich zu diesen beiden Serien? Wo sind Gilmore Girls und Friends feministisch und fortschrittlich für mich und wo wurden sie längt überholt? Verbunden mit der Frage, warum man dann zu Serien zurückkehrt, die aus der eigenen Perspektive heraus betrachtet womöglich schon veraltet sind. 

Neben der feministischen Kunstkritik werden auch weitere Theorien Einfluss auf meinen Denkprozess nehmen, darunter: Steve Johnsons Neue Intelligenz. Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden, Das Paradoxon der Wahlmöglichkeiten von Berry Schwarz sowie ein besonderer Fokus auf parasoziale Beziehungen, die man zu Serienfiguren knüpft. 

Lynne Tillmann wusste um die Kraft der Fiktion. Sie erschuf ein Konstrukt - eine Figur, um gegen die männliche Dominanz im Surrealismus anzukämpfen. Sie nutze die Stimme ihres fiktiven Charakters, um ein kritisches Nachdenken über die Kunst zu verwirklichen. Lynne Tillmann nutzte deine Stimme und nun werde ich meine Denkprozesse mit dir teilen. 

Ich freue mich darauf, in die Welt des Comfort Binge Watching gemeinsam mit dir einzutauchen. Allerliebst, C 

10. September 2020

 

Liebe Madame Realism, 

wusstest du, dass wenn man Serien wiederholt schaut und nach Serienfinale direkt wieder von vorne beginnt, so viele Dinge neu entdeckten kann? Meistens bezieht sich das auf ein Szenen- und Setbild. So sieht die Einrichtung in Loreleis Haus zu Beginn anders aus und irgendwann innerhalb der ersten Staffel verändert sich diese (beinahe) unmerklich. Ähnlich verhält es sich bei Friends und anderen Serien - oder manchmal ersetzten beispielsweise bereits nach der ersten Folge andere Schauspieler:innen einen Charakter. Bei Friends wird die Figur von Carol umbesetzt, die Ex-Frau von Ross. Ja zugegeben eine Umbesetzung kann man schlecht verstecken, aber räumliche und szenische Erprobungen nicht. Auch Charakterentwicklungen und Sidekick Figuren (spezielle Nebenfiguren mit Beziehung zur Hauptdarsteller:in), die auftauchen und verschwinden, zähle ich dazu. Findet man solche Veränderungen, die uns vorher nicht aufgefallen sind, schüttet unser Gehirn Glücksgefühle aus - diese werden ebenfalls bei intellektuellen Herausforderungen ausgeschüttet, die sich in komplexen Serien (oder Filmen) wiederfinden. Wenn man Folgen zuvor bemerkt: verdammt hier war er - der Hinweis! Ich hätte es erahnen können und habe es nicht kommen sehen. Umso besser fühlt man sich, wenn man nun diese Erkenntnisse gewinnt und sie mit anderen teilen kann. 

Steve Johnson untersucht in Neue Intelligenz. Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden die Frage nach den angeblich minderwertigen Freizeitbeschäftigungen der Massen und zeigt auf, wie die Massenkultur intellektuell und anspruchsvoller wird. Statt uns abzustumpfen, wirkt sich ihr Einfluss positiv auf unsere kognitiven Fähigkeiten aus. Dabei spricht Johnson auch von einem Belohnungssystem, welches die kognitive Arbeit der Konsument:innen von digitalen Medien bei mehrmaligem Sehen / Spielen als Denkarbeit fördert, die in Zimmern hinter den Bildschirmen stattfindet. So wurde von Fans der Serie Gilmore Girls The Rory Gilmore Reading Challenge entwickelt, in der alle Bücher aufgelistet sind, die Rory in den sieben Staffeln gelesen hat - der Auftrag? Alle zu lesen! Gilmore Girls ist überhäuft mit intermedialen Querverweisen und Zitaten. In jeder Folge werden die Zuschauer:innen der Serie in die kulturelle Welt der beiden Gilmore Frauen eingeführt - Musik, Literatur, Film und Fernsehen. Dazu schlagfertige, witzige und sarkastische Dialoge, von denen viele sagen, sie seien ihnen zu anstrengend oder zu schnell, um ihnen zu folgen. Hier liegt ein Belohnungssystem versteckt oder eher offenkundig vor. Denn ja ich weiß - mittlerweile kann ich auf deutsch und englisch beide Serien mitsprechen. Peinlich? Nö, wieso denn. Ikonische Zitate prägen Kultserien - Friends und Gilmore Girls gehören dazu. Für die Populärkultur gilt, dass das jeweilige kulturelle Objekt (sei es ein Film oder Computerspiel) nicht in erster Linie eine Metapher für das System sei, in dem es entstehe, sondern sein Produkt. So machen grundlegende technische Entwicklungen neue Formen der Unterhaltung möglich und dies erklärt für mich auch die wachsende intellektuelle Komplexität von Serien. Marshall McLuhan beschreibt mit der Gutenberg Galaxis das Ende des Buchzeitalters durch das Aufkommen von elektronischen Medien. McLuhan fiel mir daher sofort als Verknüpfung zu Johnsons Untersuchung ein. Mich beschäftigt die Frage, was wir Positives in diesen schnelllebigen Entwicklungen unserer Zeit finden können. Was gibt es Positives am Comfort Binge Watching? Oder verschwenden wir unsere Zeit? Nein. Nein auf die allgegenwärtige Frage, ob wir unsere Zeit verschwenden beim wiederholten Serien / Filme schauen. Ein Grund dafür sind komplexe Handlungsstränge, Insiderwitze, erkennbare Veränderungen und vieles mehr. Ich verstehe nun endlich alle Anspielungen und Witze bei Friends oder Gilmore Girls und schaue voller Vorfreude ganz bestimmte Folgen, da ich weiß welch großartige Wendungen hier auf mich lauern: ich sag da nur „WE WERE ON A BREAK!“ (dt.:„Aber wir hatten uns doch vorübergehend getrennt!“).

Apropos Vorfreude und Glücksmomente. Mir schießen nach wie vor die Tränen hoch, wenn Chandlers Versuch, Monica einen unerwarteten Heiratsantrag zu machen, nach hinten losgeht und Monica all ihren Mut zusammennimmt, um selbst auf die Knie zugehen. ( - ja ok fragwürdig der Satz: „This is why girls don’t do this.“ (dt.: „Das ist doch überhaupt nicht Frauensache“) Weil sie weinen muss. Chandler weint auch, also come on. ) Und ja ich schluchze, wenn Rory Gilmore erst ihre Schule beendet und ihrer Mutter vom Podium aus die Zunge rausstreckt oder nach all der Lernerei in Yale ihren Abschluss hat. Es tut gut von Zeit zu Zeit, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen und zeitgleich hat man das Gefühl, es miterlebt zu haben. Man hat dabei zugesehen, wie aus einer Freundschaft mehr wurde und man hat dabei zugesehen, wie Rory erwachsen wurde. Kennen wir, verstehen wir, fühlen wir.

Alexis Nedd spricht davon, dass Comfort Binge mit minimalem Aufwand ein größtmögliches Vergnügen gibt. Es ist also nicht verwunderlich, dass man sich an einigen faulen Abenden sich einfach nur etwas kuscheliges anziehen möchte, ein paar Snacks parat hat und die Seele baumeln lassen: „Comfort Binging is self-care as much as face masks or bubble baths.“ (dt.: „Comfort Binging ist Selbstpflege genauso sehr wie Gesichtsmasken oder Schaumbäder.“) Jede*r braucht etwas anderes für eine Auszeit, um neue Energie zu tanken. Ich schlage da wohl ganz nach den Gilmores: Die beiden sitzen mit unfassbar viel Essen gemütlich auf der Couch und wickeln sich in Dinge ein, die sich gut anfühlen. Das ist beim Comfort Binge Watching nichts anderes und ja: die beiden tun es auch. Sie haben ihre Serien und Filme, die sie gerne und häufig wiedersehen. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung zwischen Rory und ihrem ersten Freund Dean, in der es darum ging, was sie am Abend gemeinsam anschauen wollen. Beide sind etwas frustriert, dass der*die jeweils andere schon wieder das gleiche sehen möchte. Auch das kann in Freundschaften und Partnerschaften nervig sein. Kleiner Exkurs: A und ich wollten eine neue Serie beginnen oder besser gesagt ich wollte, da meine Comfort Binge Serien ja nun bekannt sind. Und A schlägt tatsächlich vor noch einmal Game of Thrones zu schauen. Gesagt getan - die Hinweise zu entdecken - juhu! Ein großer Spaß. Gegen Ende des Abends kam dann wie gewohnt eine Folge Friends zum Abschluss. Also fragte ich A: „Sag mal warum möchtest du gerade keine neue Serie anfangen?“ Und A antwortete: „Wir haben in letzter Zeit so viele großartige neue Serien und Filme gesehen, die wirklich verdammt gut waren. Die Handlungsstränge waren komplex, die Figurenentwicklungen spannend und vielschichtig und gerade ist mir nicht danach, neue Figuren kennenzulernen. Das ist wie der Beginn einer neuen Beziehung: man muss sich kennenlernen. Ich habe gerade keine Lust jemanden neu kennenzulernen, aber möchte dennoch eine gute Serie sehen bei der ich weiß, was ich bekomme - die hält, was sie verspricht.“ (erwischt: ich habe das jetzt bisschen mit meinen eigenen Wörtern gefüllt, aber das war die Essenz der Aussage! Außerdem lernen wir neue Figuren auch über Bücher oder Computerspiele kennen & das kann manchmal natürlich etwas viel werden.)

Ich habe mir neulich einen TEDx Talk von 2005 angeschaut, in dem Berry Schwarz das Paradoxon der Wahlmöglichkeiten vorgestellt hat. Angefangen beim offiziellen Dogma aller westlichen Industriegesellschaften: „Wenn unser Ziel das Maximieren des Wohlergehens unserer Bürger ist, geht dies vor allem durch die Maximierung der Freiheit des Einzelnen. (...) Der Weg Freiheit zu maximieren, ist Wahlmöglichkeiten zu maximieren.“ Er beschreibt die positiven Effekte der Auswahlmöglichkeiten und geht auch auf zwei negative ein. Zum einen gibt es paradoxerweise den Effekt der Lähmung anstatt der Befreiung mit dem Aufkommen der Wahlmöglichkeiten. So fällt es den Menschen schwerer, sich überhaupt zu entscheiden. Und zum anderen ist es einfach sich vorzustellen, dass eine andere Entscheidung hätte besser sein können. Diese Alternative führt dann dazu, dass man die getroffene Entscheidung zu bereuen beginnt und genau dieses Bereuen wirkt sich negativ auf unsere Zufriedenheit aus. Klingt recht simpel, nicht wahr? Schwarz geht also der Frage nach, warum es einem mit mehr Wahlmöglichkeiten schlechter ergeht. Er benennt als Grund, die eigenen Erwartungen an das, was etwas Gutes ausmacht, steigen. Das führe also zu weniger Zufriedenheit und das Geheimnis der Glückseligkeit seien niedrige Erwartungen. Nein keine Angst, er benennt klar die Plätze auf der Welt, deren Problem es ist, dass sie zu wenig Wahlmöglichkeiten und somit keine Freiheiten bieten. 

Allerdings leuchtet mir das ein: Je höher die Erwartungen, desto höher die Fallhöhe der Enttäuschung. Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto eher fühlen wir uns gelähmt. Das gibt bei der gigantischen Auswahl an unterschiedlichen Streaming Plattformen, die alle unendlich viele Serien und Filme parat haben, eine unfassbar große Summe an Wahlmöglichkeiten. Und ja: neue eigenständige Produktionen von Netflix und Amazon sind nicht umsonst nominiert für renommierte Preise. The Marvelous Mrs Maisel (Von der Macherin von Gilmore Girls - kann ich dir wirklich nur ans Herz legen!) hat dieses Jahr 20 Nominierungen für den Emmy erhalten. Der Film Marriage Story war für die Oscars nominiert - und so weiter. Die Qualität steigt, die Komplexität, die filmischen Mittel, das Storytelling, die aufwendigen Settings und Kostüme, die tollen Drehbücher - unsere Erwartungshaltung ist gestiegen und das zu Recht. Gerade deshalb ist es umso enttäuschender, wenn man eine neue Serie oder Film beginnt und feststellen muss: Ne, der taugt mir ja gar nicht. Was soll das denn? Die Unzufriedenheit ist erhöht. Und insbesondere, wenn man mehrfach hintereinander eine Glückssträhne hatte wie A und ich, dann verstehe ich die Sorge davor, enttäuscht zu werden oder seine Zeit verschwendet zu haben. Die Fallhöhe ist eine andere als zuvor. Ich wäre aber auch nicht glücklich damit, wenn ich auf viele der Möglichkeiten verzichten müsste. Es ist auch nur eine Perspektive auf das Phänomen des Comfort Binge Watchings und trägt sicherlich enorm dazu bei, dass man dann zu Serien und Filme zurückgreift, von denen man weiß, was man bekommt.

Ich habe übrigens gestern - es ist bereits September, da ich nicht vorher dazu kam dir zu schreiben - Gilmore Girls zu Ende geschaut. Serienfinale. Schön. Und kurz war ich am überlegen: und nun? Was soll ich jetzt schauen? Um dem Paradox der Wahlmöglichkeiten zu entkommen, griff ich zu einem Buch, das ich gerade lese. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich wirklich wieder direkt von vorne anfange - wie so häufig - oder ich endlich auch mal wieder etwas Neues wage. Auf meiner Watchlist im Kopf stehen viele nennenswerte Serien, auf die ich große Lust hätte. Nunja, ich halte dich auf dem Laufenden, wie diese Entscheidung ausgefallen ist. Friends ist auch schon kurz vorm Ende ... uiuiui. Das wird ja was. Bis bald, Madame - und ernsthaft, schau dir meine Empfehlungen an. Die Fallhöhe ist gering.

Allerliebst, C 

 

12. Oktober 2020

Liebe Madame Realism,

ich habe mir vor Kurzem wieder die Pilotfolge von Friends angeschaut. Als Piloten bezeichnet man die erste Folge einer Serie, die meistens vorproduziert wird, um Serienkonzept und Inszenierung zu präsentieren. Eine meiner liebsten Momente, immer und immer wieder, ist wohl die einprägsame Einführung eines ganz bestimmten Charakters: Rachel. Vermutlich mag ich deshalb die ersten Staffeln bei Friends sehr gerne: wie wird aus einer verzogenen Göre eine selbstbestimmte und arbeitende Frau. Um dir aber die Szene zu beschreiben, die ich meine, muss ich kurz einen Schluck Kaffee trinken. - so. Stell dir ein gemütliches Café vor, das im Greenwich Village in New York nahe des Central Parks liegt. Eine große Fensterfront, durch die man hineinschauen kann, zeigt die einladende Stimmung dort drinnen. Ein Schriftzug prangert auf der Scheibe: „Central Perk“, umrandet von zwei dampfenden Kaffeetassen. Eine Flügeltür bringt dich hinein: die beherrschenden Farben der Einrichtung sind holzfarben (braun), beige, rot und grün. Ein kleiner Absatz trennt den Eingangsbereich von der Theke (zur rechten Seite - in den meisten Bildeinstellungen der Serie immer links. Logisch: Perspektive) und den Sitzplätzen. Natürlich gibt es direkt am Schaufenster gemütliche kleine Nischen, aber das Herzstück des Cafés bildet in der Mitte ein große Sitzecke mitsamt Sofa, Sessel, einem länglichen Sofatisch und angrenzend einem kleinen runden Tisch mit Stühlen. Dort sitzen auch meine Freunde: Die Köchin und Orga-Fee Monica, die lebenslustige Masseurin und Hobby-Musikerin Phoebe (ich hüte mich davor ihr einen weiteren Stempel aufzudrücken, da sie immer als die „etwas Andere“ inszeniert und betitelt wird), der sprücheklopfende Nachbar Chandler von dem man nicht wirklich weiß, was er beruflich macht (ja, How I Met Your Mother hat viel bei Friends geklaut!) und sein Mitbewohner Joey, ein erfolgloser Schauspieler, der nicht der klügste ist und klischeehaft allen Frauen, die er für attraktiv erachtet, nachjagt. Da sitzen sie also zusammen und Ross, Paläontologe und Monicas Bruder, kommt herein. Sein „Hi“ klingt dermaßen deprimiert, dass dem Publikum sofort klar ist: Dieser Mann ist gerade nicht sonderlich glücklich. Seine Ex-Ehefrau ist heute aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Er setzt sich zu seiner Schwester Monica, die ihn tröstend in den Arm nimmt. Ross und Chandler kennen sich seit dem College und sind engste Freunde. Das Gesprächsthema: Carol (die Ex- Ehefrau) und die Tatsache, dass sie Ross verlassen hat, da sie sich als lesbisch geoutet hat. Joey fragt nach, ob er es wirklich nicht bemerkt habe und Ross kontert, dass sie selbst es nicht wusste, woher hätte er es also wissen sollen. Joey rät ihm, er solle in ein Striplokal gehen. Ross: „See, but I don’t want to be single, okay? I just want be married again.“ (dt.: „Ich will aber gar nicht Single sein, verstehst du? Ich will einfach wieder verheiratet sein!“) In genau diesem Moment sehen wir im Hintergrund des Szenenbildes wie sich die Eingangstür öffnet und eine junge, aufgelöste Frau im Brautkleid tritt herein. Chandler daraufhin: „And I just want a Million dollars!“ (dt.: „Und ich will nur eine Millionen Dollar!“) - der Gag von Chandler ja über den lache ich wirklich immer noch. Jedes Mal. There she is.... Rachel im Brautkleid, die sinnbildlich für den Wunsch von Ross steht. Dazu kommt, dass es sich bei Rachel um Monicas Jugendfreundin handelt und die große Jugendliebe von Ross. Dieser begrüßt sie natürlich etwas tollpatschig. Und hier beginnt es: eine zehnjährige Reise mit diesem Freundeskreis durch Höhen und Tiefen, Jobverluste und neue Möglichkeiten, Trennungen - Pausen - und neue Beziehungen. Bis eines Tages (Spoiler) die Gruppe gemeinsam ihre Schlüssel für Monicas Wohnung auf den Küchentresen legen und nur noch die leere schöne Wohnung zurückbleibt. Sie sind weitergezogen (mit ihren Familien).

 

Vielleicht also gar kein Wunder, dass ich diese Charaktere so gut kenne und lieben gelernt habe - auch wenn ich sie oftmals gar nicht leiden kann. Mehr noch: diese Gruppe von Freunden sind zu meinen geworden mit allem was dazugehört. Aber wie ist das passiert und gibt es dafür eine Bezeichnung? Ich kann ja schlecht anfangen zu sagen: „Nein danke, ich kann heute Abend nicht. Ich bin noch mit Freunden verabredet.“ - das stimmt ja nicht so ganz. Ich habe höchstens ein Rendezvous mit meinem Bildschirm und fiktiven Figuren darin. Donald Horton und R. Richard Wohl veröffentlichten 1956 ihre Forschung: Massenkommunikation und parasoziale Interaktion. Beobachtungen zur Intimität über Distanz: „Wir begegnen den entferntesten und berühmtesten Menschen, als ob sie zu unserem Bekanntenkreis gehörten; das Gleiche gilt für Figuren einer Erzählung, die in diesen Medien auf besonders lebhafte und fesselnde Art zum Leben erweckt werden.“ Die Illusion eines Face-to-Face-Kontaktes im Bildschirm führt zu einer ähnlichen Reaktion des Zuschauers wie bei zwischenmenschlichen Interaktionsprozessen. Als parasoziale Interaktion bezeichnet man also genau diese medial vermittelnde Kommunikation zwischen Zuschauer und Bildschirm-Akteur:innen. Die parasoziale Interaktion wird nach dem Rezeptionsvorgang (also Ausschalten des Mediums) beendet. Infolge von wiederholter parasozialer Interaktion, beispielsweise durch direkte Beobachtungen der „Personae“ (so werden bei Horton/ Wohl die Medienpersonen genannt) und Interpretation des Auftretens, der Gesten und Stimme, der Konversationen und des Verhaltens, verändern sich die Emotionen und Stimmungen des Zuschauers. Meinungen werden gebildet und eine Bindung baut sich auf - nicht anders als bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Das einfache an parasozialen Beziehungen, so wie ich sie zu den Figuren in Friends und Gilmore Girls aufgebaut habe, ist deren Verlässlichkeit: eine dauerhafte Beziehung mit Regelmäßigkeit, die in den Alltag integriert werden kann. Diese Bekanntschaft wird nun zu meiner eigenen Geschichte mit gemeinsamen Erfahrungen, die in der Gegenwart an zusätzlicher Bedeutung gewinnt. So werden also diese fiktiven Figuren aus Serien für ihr Publikum zu Freunden, Ratgeber:innen, Tröster:innen und Vorbildern. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob die parasoziale Beziehung Ergänzung oder Ersatz für eine zwischenmenschliche Beziehung darstellt. Diese Beziehungen werden erst dann zum Ersatz, wenn diese so attraktiv sind, dass soziale Beziehungen überflüssig erscheinen. Jenen Gedanken werde ich dir gleich noch näher ausführen, aber es handelt sich nicht um einen Regelfall; da solche Beziehungen für Zuschauer als Ergänzung zu betrachten sind.

Das heißt, um es nochmal zusammenzufassen, dass ich beim Einschalten einer Folge mit den Charakteren der jeweiligen Serie in eine parasoziale Interaktion trete. Abstrahiere ich das auf andere Medien, so trete ich beispielsweise auch in eine parasoziale Interaktion mit dir, wenn ich mir deine Gedanken durchlese. Oder Spieler:innen mit ihren Gaming-Figuren, wenn sie ein Spiel spielen - wobei dieser Effekt sicher aufgrund der Identifikation, Charakterentwicklung durch Entscheidungen und das Bedienung der Figuren potenziert wird. Über ein Kennenlernen entwickelt sich eine parasoziale Beziehung.

Kennst du die Friends-Folge The One After the Superbowl: Part 1 / Affengeil (1)? Joey, der Schauspieler einer Daily-Soap ist, erhält einen Fanbrief; Phoebe soll für Kinder ihre Lieder singen und Ross möchte Marcel, seinen ehemaligen „Haustier“-Affen, in L.A. (Zoo) besuchen. Achtung: Die Folge startet mit einer sexistischen Bierwerbung, die wir Zuschauer:innen in einem Röhrenfernseher sehen. Szenenwechsel. Joey, der in „Days of our Lives“ (dt.: Zeit der Sehnsucht, eine reale Seifenoper) den Neurochirurgen Dr. Drake Ramoray spielt, liest aus seinem Fanbrief vor:

„Dear Dr. Romoray: Know that I love you and would do anything to have you. Your not-so-secret admirer, Erika Ford. P.S. Enclosed, please find 14 of my eyelashes.“ (dt.: Verehrter Dr. Ramoray, ich liebe sie so sehr und würde alles für sie tun. Ihre gar nicht so heimliche Verehrerin, Erika Ford. P.s.: Ich war so frei noch 14 meiner Wimpern beizulegen. In der Unterhaltung zwischen den Freunden stellt sich heraus, dass der Brief an seine private Adresse versandt worden ist und zudem gar keinen Post-Stempel vorweist. Die Frau war im Gebäude - das missfällt unseren Freunden. Joey jedoch reagiert freudig: „I got my very own stalker!“ (dt.: „Ich habe meine eigene Stalkerin!“) Später in der Wohnung von Chandler und Joey wird gerade die Dinnerplanung besprochen, als es an der Tür klingelt. Es ist Erika, die Stalkerin. Joey springt vom Tresen und bewaffnet sich mit einer Pfanne. Chandler: „Yes, hitting her with a frying pan is a good idea. We might have a backup plan, though, just in case she isn’t a cartoon.“ (dt.: „Ihr mit der Pfanne eins überzubraten ist eine gute Idee. Aber wir brauchen noch einen Notfallplan, falls sie wieder aufsteht.“). Der Versuch in die Wohnung von Monica und Rachel zu flüchten scheitert und Joeys Vorschlag über das Treppenhaus zu entkommen, da Erika ihn ja nicht erkennen könne, da sie ihm noch nie begegnet sei, stellt sich als keine gute Lösung dar - Joey sei laut Chandler ja kein Radiostar. Sie sind also zurück in der Wohnung: Joey nimmt erneut die Pfanne und Chandler greift sich das nächstbeste - eine Scheuermilch. Die Worte: „Ah, this is it. This is how we’re gonna die“ (dt.: „Ah da ist sie! Diese Frau bedeutet meinen Tod.“) zeigen Joeys Besorgnis. Als er jedoch die Tür öffnet und sich herausstellt, dass Erika eine attraktive Frau ist, verfliegt diese Sorge und schlägt in ein freudiges Grinsen um. Während Chandler reflexartig die Scheuermilch drückt und ein weißer Strahl im Bogen herausspritzt (...muss ja zur Verdeutlichung sein). Ein paar Sequenzen weiter finden wir uns im Handlungsstrang von Phoebe wieder. Wir befinden uns nun in einem Klassenzimmer, indem Phoebe gleich ihren Auftritt vor den Kindern hat. In einer Ecke sitzen Chandler, Monica und Rachel zusammen und sprechen über Joeys Fanpost. Die Szenerie wirkt vertraut, da die drei isoliert von den anderen Menschen im Raum sitzen. Die Kameraführung suggeriert einen schweifenden Blick durch das Klassenzimmer bis sie bei der Freundesgruppe ankommt. Sie, der Blick der Kamera, gesellt sich dazu und dadurch das Publikum. Das fördert das Näheverhältnis und schafft eine Illusion von Intimität, die durch die Vertrautheit der Figuren zueinander gefördert wird. Auch die räumliche Anordnung stärkt dieses Verhältnis zwischen mir und meinen fiktiven Freunden.

Monica versteht nicht, wie sich Joey nun mit seiner Verehrerin verabreden konnte und fragt nach wie sie sei und ob sie nicht verrückt sei:

Chandler: „Oh no, no. She’s a total wack job. She thinks that Joey is actually Dr. Drake Ramoray.“ (dt.: „Das würde ich so nicht sagen. Sie ist nur ganz schön daneben. Sie hält Joey tatsächlich für Dr. Drake Ramoray.“)
Monica: „Oh. And he’s going out with her? He cannot pursue this.“ (dt.: „Ich finde es blöd, dass er mit ihr ausgeht. Sie wird sich Hoffnungen machen.“) 

Chandler: „Hey, just because this woman thins she can see Joey through the magical box in her living room doesn’t mean she’s not a person. Does she not deserve happiness? Does she not deserve love? Angry looks from Monica and Rachel. What are you looking at me for? He’s the one who wants to buff the maniac.“ (dt.: „Sie denkt zwar, dass Joey täglich in ihrem Wohnzimmer ist, aber trotzdem ist er doch immer noch ein Mensch. Sie braucht etwas, das sie glücklich macht. Hat sie kein Recht auf Liebe? Ärgerliche Blicke von Monica und Rachel. Was seht ihr mich so an? Er trifft sich mit der Wahnsinnigen!“)

Die Folge geht selbstreflexiv auf parasoziale Beziehungen ein und stellt ein Extrem dieser Beziehung (Hier können wir von Ersatz-Beziehung sprechen) dar. Eine extreme parasoziale Beziehung ist nur gegeben, wenn die PSB (Abkürzung) zum Ersatz für autonome soziale Beziehungen werde und somit zur absoluten Vereinnahmung der objektiven Realität führe - dann müsse sie als pathologisch bezeichnet werden - so erklären Horton/Wohl. Schaue ich mir also die Folge von Friends nochmal weiter an.

Joey und Erika sind bei ihrem Date in einem schicken Restaurant:
Erika: „Oh, Drake, isn’t it amazing? (Joey: What?) Well here we sit, devil-may-care and just a little while ago you were reattaching Simone’s spinal cord.“ (dt.: „Ist das nicht unglaublich, Drake? (- Joey: Was?) Ich meine wir beide sitzen einfach hier und gerade haben Sie noch an der Wirbelsäule operiert.“)
Joey: „Yeah, that was a tricky one. In reality that operation takes over 10 hours, but they only showed it for two minutes.“ (dt.: „Das ist ein schwieriger Eingriff. In Wirklichkeit dauert sowas zehn Stunden, aber die kürzen das auf zwei Minuten.“)
Erika: „Who’s they?“ (dt.: „Wer sind die?“ )
Joey: „No one“ (dt.: „Ach egal.) 

Ein Mann im Restaurant droht zu ersticken. Bei der Frage „Is anyone here a doctor?“ (dt.: „Ist ein Arzt anwesend?“) ergreift Erika das Wort und stellt Joey als besten Arzt in ganz Salem vor. Auf die spätere Frage von ihr hin, warum er dem Mann nicht geholfen habe, argumentiert Joey mit unterschiedlichen Fachgebieten. Doch er entschließt sich schließlich, zu gestehen - doch erhält, unterbrochen von Erikas blinder Verehrung, keine Chance dazu. Als sie ihn küsst, hat Joey wieder jeglichen Anspruch auf Ehrlichkeit verloren. Einige Szenenwechsel (ich überspringe auch die Geschichte um Phoebe und Ross) später schauen Ross, Chandler, Monica, Rachel und Joey die neueste Folge von „Days of uur Lives". Als Erika an die Wohnungstür klopft wird der TV panisch ausgemacht: 

Joey: „Quick! Shut off the TV.“ (dt.: „Du meine Güte, macht den Fernseher aus.“)
Rachel: „Wait, I wanna see what happens!“ (dt.: „Aber dann weiß ich nicht was passiert...“) Joey: „Uh, I get Leslie out of the coma then we make out.“ (dt.: „Ähh Leslie erwacht aus dem Koma und wir küssen uns.“)
Rachel: „How can that be? You were just kissing Sabrina.“ (dt.: „Wie ist das möglich? Du hast doch vorhin Sabrina geküsst!“)
Monica: „Rachel, it’s a world where Joey is a neurosurgeon.“ (dt.: „Rachel, in dieser Welt dort ist Joey ein Neurochirurg.“)

Rachel neigt bei Seifenopern ebenfalls dazu, die Grenzen zu verwischen und verehrt berühmte Schauspieler:innen. (also männliche Schauspieler...) Das wird durch die Staffeln hinweg immer wieder thematisiert. Bis zu dem Punkt, in dem sie sich nicht sicher ist, ob sie sich gerade in Joey oder Drake verknallt hat. Weiter in der Szene. Erika stürmt rein und fragt, wie Drake/Joey so schnell aus Salem zurück sein könne. Die Antwort ist natürlich der Hubschrauber. Sie kommentiert die illustre kleine Party-Runde und fragt, ob Sabrina anwesend sei, denn sie habe gesehen wie die beiden sich geküsst hätten. Einen Drink im Gesicht später sagt Joey: 

„Alright, look. That’s it. We shouldn’t see each other anymore. I should have told you a long time ago but I am not Drake Ramoray. I’m not even a doctor. I’m an actor. I just pretend to be a doctor.“ (dt.: „Erika, hör zu. Das wars. Ich schlage vor, dass wir uns nicht mehr treffen, Ich hätte es dir schon früher sagen müssen, aber ich bin nicht Drake Ramoray. Ich bin kein Arzt. Ich spiele nur einen Arzt, ich bin Schauspieler!“) 

Erika fragt daraufhin, ob die Kollegen im Krankenhaus Bescheid wissen. Joey fragt verzweifelt nach Hilfe. Rachel macht daraufhin den TV an, dort läuft noch die Folge und Joey ist zusehen. 

Erika: „How can you be here and there?“ (dt.: „Wieso bist du denn hier und dort?“)

Joey: „Ha, ha. Because it’s a television show.“ (dt.: „Das ist eine Fernsehserie!“)

Erka: „Drake, what are you getting at?“ (dt.: „Was willst du damit sagen, Drake?“ )

Joey: „I’m not Drake!“ (dt.: „Ich bin nicht Drake!“)

Ross greift ein und stellt Joey als den bösen Zwillingsbruder von Drake vor, und alle Anwesenden steigen mit darauf ein: Rachel kippt ihren Drink in Joeys Gesicht. Dann Monica ( - Joey, oder hier gerade Hans, macht das ja mit allen Frauen). Und Chandler steigt ebenfalls ein, weil Joey den Klodeckel nie runtermacht. Alles in allem rettet die Lüge die Situation mit Erika und sie verlässt nicht ohne einen Abschiedskuss für Joey die Wohnung, um nach ihrer wahren Liebe Drake zu suchen. Da kann sie lange warten. Die Folge endet damit, dass die Freunde an einem Filmset stehen, um Marcel ( - den Affen) zu besuchen. Um ihn anzulocken wird gesungen. In dieser Folge wird uns eine extreme parasoziale Beziehung gezeigt: eine Frau, die völlig desillusioniert nach der Liebe zu einem fiktiven Mann sucht. Hier verschwinden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Die Folge greift auch bestehende Extreme von Fan-Liebe auf, die nicht mehr gesund sind. Es ist allerdings fragwürdig, wie mit der desillusionierten Frau umgegangen wird und wie diese dargestellt wird - natürlich wird deutlich was für ein A.. Joey ist. Da hat Monica vollkommen recht, aber niemand fühlt sich dafür verantwortlich, der Frau zu helfen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass es ein weiblicher Fan ist, der auf der Suche nach dem einzigen Traummann ist, den sie anerkennt (egal ob er nun real ist oder nicht) - sie strebt nach einem gut aussehenden Arzt, der vermutlich ganz gut verdient. Und zusätzlich ist es nicht die einzige Folge von Friends, in der Stalking in der Darstellung verharmlost wird - Phoebe verliebt sich in einer Folge in den Stalker ihrer Zwillingsschwester, der ihr irrtümlich die letzten Wochen gefolgt ist... 

Es wird bei diesen parasozialen Beziehungen (insbesondere bei den extremen) ein Gefühl von Vertrautheit gefordert und nach einer persönlichen Bestätigung oder Bereicherung gesucht. Bei der extremen Form stehe die Würdigung der Personae im Widerspruch zur Tatsache, dass das Bild, das repräsentiert werde, ein Konstrukt sei, welches wenig Ähnlichkeiten mit der realen Person, die die Personae verkörpert, hat (Horton/Wohl). Das sehen wir ja auch bei Joey und Drake. Auf der anderen Seite würde ich allerdings in einer Überspitzung sagen oder fragen: akzeptieren wir nicht alle diese fiktiven Charaktere für Bruchteile von Sekunden, Minuten, Stunden als real existierend? Zumindest blenden wir es aus, auch wenn jede*r jetzt behauptet und sagt: klar weiß ich, dass diese Figuren fiktiv sind. Das meine ich auch nicht, aber beim einschalten denke ich doch nicht pausenlos „die sind nicht real“. Wir vergessen oder verdrängen es: filmische Illusion - oder ich könnte jetzt auch mit Platon’s Höhlengleichnis kommen und einen Vergleich zum Kino als Dispositiv (Arrangement) ziehen. Aber kurz gesagt: Das Dispositiv verstärkt einen Realitätseindruck - dieser filmische Anspruch ist dem Medium immanent. Aber auch die Rolle des Publikums spielt bei PSB eine zentrale Rolle, denn eine intuitiv wahrgenommene Vertrautheit wird durch generelle kulturelle Muster konstruiert. Rollenmuster von Beziehungen (Freundschaft, Familie...) sind übernommen und zeichnen sich gerade deswegen durch Intimität, Sympathie und Geselligkeit aus. Es wird vom Publikum erwartet, dass vorherrschende Regeln, Konventionen, Handlungen und Werte als „natürlich“ anerkennt werden. Hierbei stoßen wir bei Friends und Gilmore Girls auf das Problem der heteronormativen Darstellung (Weltanschauung, in der Heterosexualität als gesellschaftliche Norm gilt, sowie das anatomische/biologische Geschlecht ausschlaggebend für die Identität und sexuelle Orientierung ist: also männlich und weiblich - Abweichungen werden diskriminiert). 

 

Es beschleicht mich allerdings gerade das Gefühl, dass ich in unserem Experiment die Rolle von Erika Ford einnehme - ein bisschen gruselig. Der Unterschied ist jedoch, dass ich keine extreme parasoziale Beziehung mit dir eingehen kann, da ich weiß: du existierst nicht und ich werde niemals eine Antwort erhalten. Außer Lynne Tillmann würde deine Stimme nutzen, um mir zu schreiben - das würde das Ganze dann aber auch auf eine sehr ausgeprägte Meta-Ebene führen - vor allem, wenn sich unsere Gespräche dann noch um parasoziale Interaktion und Beziehung drehen würden. Chris Kraus schreibt in ihrem letzten Brief an Dick („I love Dick“) von einem Nachmittag in der Bibliothek und wie es sie zurück werfe in eine Zeit, in der Bücher noch Freunde waren. Schlüssig - warum sollten parasoziale Beziehungen nur über Bildschirm funktionieren. Doch zu Beginn dieses letzten Briefs schreibt sie Folgendes: „Gott, es ist zum Schreien! Ich fühle mich bewogen, mit dir über Kunst zu sprechen, weil ich glaube, du könntest verstehen, und ich glaube, dass ich Kunst besser verstehe als du - weil ich mich beim schreiben dazu bewogen fühle, einfach nicht zu bändigen zu sein. Dir zu schreiben, scheint einen hochheiligen Zweck zu verfolgen, weil es schlicht nicht genug niedergeschriebene weibliche Unabhängigkeit gibt. Ich habe mein Schweigen und alles Verdrängte mit dem Schweigen des gesamten weiblichen Geschlechts zusammengeführt, und mit all dem, was es verdrängt.“

Liebe Madame Realism, ich fühle mich dazu bewogen, mit dir über Kunst und meine Gedanken zu sprechen, weil ich glaube, du könntest verstehen wie ich denke und mir Raum lassen - weil ich mich beim Schreiben dazu bewogen fühle, einfach nicht zu bändigen zu sein. Dir zu schreiben scheint einen hochheiligen Zweck zu verfolgen: meine Stimme wieder zu finden und meinen weiblichen - feministischen Blick niederzuschreiben. Ich bin kein lauter Mensch, ich beanspruche keine Räume für mich, ich drücke mich auf meine Art aus - die Dichterin Alice Notley, so schreibt es Chris nieder, erzählte einst: „Weil wir eine bestimmte Form von theoretischer Sprache ablehnten, nahmen die Leute ganz einfach an, dass wir dämlich seien.“ Daran hat sich nichts verändert. Aber ich halte deine Gedanken für außerordentlich klug und nahbar - sie versperren sich nicht hinter nervig langen Barrikaden wie Donna Haraway (unabhängig davon, dass sie eine sehr kluge Frau ist und wichtige Beiträge erschafft). Was ich eigentlich damit sagen möchte ist: du hast mich bewegt. Gegen die männliche Dominanz im Surrealismus anzukommen war sicherlich nicht einfach, aber schau was es dir gebracht hat: du bist feministische Kunstkritik und eine ihrer bemerkenswertesten Formen. Die Kraft der Fiktion nutzte auch Linda Nochlin für sich, indem sie Coubert’s The Painter's Studio als Überinterpretation vorstellt (Danke hier an Susan Sontag) und klug argumentiert, welche Perspektive noch fehlt: die Geburtsstunde des ReReadings. (Wieder-Lesens) Ja klar wir kennen diesen Begriff mittlerweile auch aus den Medien wie beispielsweise Deutschlandfunk Kultur eine eigene Rubrik dafür hat, aber hier ging es um viel mehr. ReReading as a woman YEAH! Eine Kampfansage an das Patriarchat - schöne Systemkritik inklusive. Und zuletzt setzt Nochlin dem ganzen die weibliche Krone auf, indem sie eine fiktive und feministische Überschreibung an dem Kunstwerk vollführt. Die männlichen Protagonisten werden kurzerhand mit weiblichen Protagonistinnen ersetzt. ( & schwups: hello the female gaze. Ist hier ein Verweis auf Mulvey wirklich noch nötig? - naja es ist hier schließlich auch Filmkritik und Mulvey Grundlagentext .... maybe later)

Naja das war’s. Ich hoffe sehr, dass dich meine Fanbriefe nicht aus der Verfassung bringen. Vor deiner Tür werde ich nun wirklich nicht stehen können. Ich werde gleich wieder mit Gilmore Girls anfangen und verkaufe es mir selbst gerade als Recherche, aber: „It ́s not just a TV Show, it’s a Lifestyle, it ́s a Religion!“ (dt.: „Es ist nicht nur eine Fernsehserie, es ist ein Lebensstil, es ist eine Religion!“)

Allerliebst,

C

01. November 2020

Liebe Madame Realism, 

wo fange ich nur an und wo höre ich auf? Ich habe das Gefühl, dass ich gar kein vernünftiges Ende für unsere Korrespondenz finden kann. Auch, wenn man es schlecht als eine bezeichnen kann - einseitig findet die parasoziale Interaktion statt. Also ich habe über die verschiedenen Gründe für Comfort Binge Watching nachgedacht, aber eins interessiert mich daran schon noch: wie kann ich es vertreten, Serien immer und immer wieder zu sehen, obwohl sie - und das nehme ich voraus - schlecht gealtert sind? Eigentlich könnte ich das hier ganz kurz machen und dir einfach nur sagen: naja Betitelungen wie progressiv und feministisch müssen immer im Zeichen der Zeit betrachtet werden und es hat auch etwas Gutes, dass der Feminismus der 2000er längst überholt ist, dennoch prägten diese Serien Generationen. Aber wie überholt er dann wirklich ist, versuche ich herauszufinden. Im Sinne des ReReading as a woman schaue ich mir die Serien Friends und Gilmore Girls nochmal genauer an - vermutlich mit einem stärkerem Fokus auf Gilmore Girls.

In den Filmwissenschaften gibt es einen Test, der herangezogen wird, um zu entscheiden, ob ein Film oder eine Serie feministisch ist oder eine Stereotypisierung von weiblichen Figuren vorliegt. Benannt und bekannt wegen der Autorin Alison Bechdel, wurde der Bechdel-Test zum Hilfsmittel zur Offenlegung von sexistischen Darstellungen von Frauen: ohne wissenschaftlichen Anspruch. Der Test besteht aus drei Fragen: 

  1. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? [die einen Namen haben; jüngste Variante]

  2. Sprechen diese Figuren miteinander?

  3. Sprechen diese Figuren über etwas anderes als Männer?

Bei einer Anwendung auf die Serie Friends stellen wir fest, dass in der Freundesgruppe Monica, Rachel und Phoebe sind. Die Frauen reden miteinander und sie reden auch nicht nur über Männer: es geht um Selbstbestimmung, Lebensentwürfe, Krisen und Arbeitslosigkeit - klar auch um Männer, aber eben nicht nur. Also Test bestanden. Zudem begleiten wir Rachel auf ihren Weg zur Emanzipation, die zu Beginn noch herausfinden muss, dass Menschen arbeiten für ihr Geld und Rachel später die Kreditkarte ihres Vaters mit einer Schere zerstört, nachdem sie schon den Mut aufgebracht hat ihren Verlobten am Altar stehen zulassen, da sie ihn nicht liebt. Sie glaubte bis dahin immer, das sei ihr einziger Weg: einen reichen Ehemann - vorzugsweise einen Doktor - zu finden, mit dem sie dann ihr Luxusleben aufrecht erhalten kann. Gleich in der Pilot-Folge gibt es ein Telefonat mit ihrem Vater über ihre Flucht: 

„Daddy, I just... I can’t marry him. I’m sorry. I just don’t love him. Well, it matters to me. Come on, Daddy, listen to me! It’s like all of my life, everyone’s always told me, You’re a shoe! You’re a shoe! You’re a shoe! You’re a shoe! Then today I stopped and said, what if I don’t wanna be a shoe? What if I wanna be a purse? You know? Or a hat? No, I don’t want you to buy me a hat, I am a hat. It’s a metaphor, Daddy!“ (dt.: „Daddy, ich hab doch nur...Ich kann Barry nicht heiraten. Bitte versteh doch Daddy. Was kann ich denn dafür, dass ich ihn nicht liebe? Also mir macht das schon was aus. Argh, komm schon Daddy, hör mir mal zu! Mein ganzes Leben lang hat mir jeder eingeredet, dass ich ein Schuh bin. Du bist ein Schuh! Du bist ein Schuh! Du bist ein Schuh! Du bist ein Schuh! Doch heute stelle ich mir plötzlich die Frage: Was ist, wenn ich kein Schuh sein will. Was ist, wenn ich lieber eine Tasche wäre oder ein Hut? Nein du sollst mir keine Tasche kaufen. Ich bin die Tasche. Das ist eine Metapher, Daddy!“)

Rachel wird in den folgenden Staffeln ihren Weg gehen, und nachdem sie den Job als Kellnerin Leid ist, den Einstieg in eine Karriere in der Modebranche schaffen bis sie selbst eine Führungsposition innehat und eigene Assistent:innen bekommt. Selbst als ihr, in der Beziehung mit Ross, das Verständnis für ihre Karriere (und Eifersuchtsprobleme mit einem männlichen Kollegen) fehlen und es dadurch zu Problemen führt, hält sie an ihrer Unabhängigkeit fest und verteidigt diese - nach dem sie eine Pause fordert, weil sie die ständigen Streitigkeiten über ihre Arbeit & ihren Kollegen Leid ist, kommt es zum Kultzitat von Ross: „Wir hatten uns doch vorübergehend getrennt! (We were on a break!)“. Dieser stieg kurze Zeit nachdem Streit und der einhergehenden Beziehungspause mit einer Anderen ins Bett. Entscheide selbst, wie du das findest - für mich ist das einer der Momente, in denen ich Ross sehr hasse. Doch was mich vor allem immer und immer wieder bei Friends und anderen Sitcoms wie beispielsweise auch Big Bang Theory oder auch Stranger Things nervt, sind bestimmte klischeehafte Männlichkeitsbilder, die bis heute reproduziert werden und meiner Meinung nach sehr gefährlich sind: The Nerd Thrope. Anders gesagt: die Darstellung von Nerds und Nice Guys in Filmen und Serien. Denn der scheinbare Nice Guy (guter Kerl) oder liebenswürdige Nerd (hochintelligente Streber, die meist soziale Defizite haben) stecken zutiefst in toxischen Männlichkeitsbildern fest. Das Narrativ wird häufig nach dem Film The Revenge of The Nerds (Die Rache der Eierköpfe, 1984) benannt: erklärtes Ziel der Nerds ist es, Frauen abzubekommen und sexuelle Belästigung ist in Ordnung, da sie selbst Schreckliches (meist Mobbing) durchmachen. Zudem kommt bei The Nice Guy hinzu, dass sie als nicht-sexistisch dargestellt werden und meist durch einen anderen Charakter, der sexistisch ist, als der Gute dasteht. Bei Big Bang Theory sehen wir das anhand von Howard mit seinen sexistischen Sprüchen gegenüber Penny oder anderen weiblichen Figuren im Kontrast zu Leonard (der Penny nicht weniger objektifiziert insbesondere in den ersten Staffeln und Big Bang Theory den Bechtel-Test in den ersten Staffeln nicht besteht). Bei Friends wären das dann Ross als Nerd/Nice Guy und Joey und Chandler als Gegenpart - Joey, der Frauen nur für das eine will und jede Frau zum Objekt macht oder Chandler, der nicht weniger sexistische Sprüche und Anmachen am Start hat und ständig Angst davor hat, schwul zu wirken (nur weil er häufig für homosexuell gehalten wird und sein leiblicher Vater Transgender ist - Chandler hat also zwei Mütter). Homophobie ist ein zentrales Problem der Serie (wie in den meisten Sitcoms): ob nun Umarmungen, gemeinsame Nachmittagsschläfchen, Aufregen darüber, dass der Sohn lieber mit Puppen spielt oder Probleme mit einer männlichen Nanny. Auch Probleme in der Darstellung von Fatshaming wie bei Monica - klar, diese Frau ist eine klasse Köchin und arbeitet sich hoch, dennoch dreht sich alles immer und immer wieder um die früher übergewichtige Monica - „The camera adds ten pounds! (Die Kamera fügt 10 Pfund hinzu!)“ ist ihre Verteidigung, als sich die Gruppe altes Videomaterial von der Prom Night anschauen. Mal abgesehen davon sind alle Figuren unfassbar schlank in der Serie und entsprechen einem westlich geprägten Schönheitsideal.... 

Bei Gilmore Girls finden wir ähnliche Phänomene - aber Moment. Ich mach mir kurz einen Kaffee und dreh The Bangles voll auf. Bei Gilmore Girls finden wir eine ähnliche Problematik, aber zuerst: wir haben als Hauptrollen der Serie zwei Frauenfiguren (mit Namen - sind ja Protagonist:innen), die sehr viel miteinander über alles Mögliche sprechen: Filme, Serien (TV), Essen, Musik, Literatur, Popkultur und ja, über die Männer. Aber nicht ausschließlich. Also Bechdel-Test bestanden. Lorelei als Alleinerziehende Mutter, die sich hochgearbeitet hat vom Zimmermädchen zur Geschäftsleitung bis hin zur Verwirklichung ihres Traumes, ein eigenes Hotel zu führen, ist eine starke weibliche Figur. Und bei Rory handelt es sich erstmals um ein Nerd-Mädchen in der Hauptrolle: sie ist klug, darf die Schule aufgrund ihrer Leistungen wechseln und liest unfassbar viel. Rory liest beispielsweise Jane Austen, Charlotte Brontë, Sylvia Plath und Virgina Woolf! - alles feministische Literatur. Die berufliche und persönliche Selbstverwirklichung der beiden Frauen steht über den Männern - auch wenn sich vieles darum kreist. Drei abgelehnte Heiratsanträge und/oder Scheitern der Verlobung aufgrund der freien Entscheidung beider Frauen finden wir hier: Max, Christopher (mehrmals) und Logan. Auch hier wird gleich zu Beginn der ersten Staffel ein Einblick in die Gedankenwelt der beiden Frauen gezeigt: Lorelei, Rory und ihr erster Freund Dean sitzen zusammen bei Pizza und TV. Es läuft die Donna Reed Show. Dean kennt die TV-Show nicht und so erklären die beiden Frauen kurzerhand, worum es sich dabei dreht: 

Lorelei: „The quientessential 50s Vom with the perfect family? Never without a smile and high heels? Hair that, if you Hit it with a hammer, would crack?“ (dt.: „Die typische 50er Jahre Mom mit ihrer perfekten Familie. Immer lächelnd, immer in Stöckelschuhen und ihre Frisur war mit Haarspray zubetoniert.“) 

Dean: „So, it’s a TV show?“ (dt.: „Und das ist eine Fernsehserie?“) Rory: „It’s a lifestyle.“ (dt.: „Eine Lebensform.“)
Lorelei: „It’s a religion.“ (dt.: „Eine Religion.“)

(Ein Bezug zur parasozialen Beziehung auch bei den Gilmore Frauen!) Danach folgt eine feministische Überschreibung der Dialoge der Serie von den beiden kommentiert. Sie reißen Witze über die zuckersüße Ausstrahlung über Fensterputzen bis hin zu Querverweisen zum Umgang der Elektroschock Therapie bei Hysterie-Patient:innen (ein Thema, welches mich ebenfalls sehr interessiert - spannende Einblicke bietet beispielsweise Siri Hustvedt in Was ich liebte). Dean jedenfalls weiß nicht so recht, da er das alles irgendwie ganz nett findet - glückliche Familie und die Frau, die offenbar zufrieden für ihren Mann das Abendessen kocht. 

Lorelei kontert: „She’s medicated.“ (dt.: „Ja, weil sie auf Drogen ist.“)
Rory: „And acting from a script.“ (dt.: „Sie sagt Texte aus dem Drehbuch auf.“) Lorelei: „Witten by a man.“ (dt.: „Geschrieben von einem Mann.“)
Rory: „Well said, sister suffragist.“ (dt.: „Moderne Frauen sind gegen sowas.“ )

Amen, Schwester! Später in der Folge erleben wir einen Streit zwischen Rory und Dean über die Donna-Reed-Show, die mit einem bissigen Witz von Dean eingeleitet wird über versklavte Hausfrauen, die Donnerstags im Supermarkt einkaufen. Rory kritisiert die Unmengen an Gebackenen und Gekochten Leckereien. Dean hingehen findet den Gedanken daran, dass die Hausfrau für ihre Familie kocht schön. 

Rory: „It’s not just that. It’s the having to have the dinner on the table as soon as the husband gets home, and having to look perfect to do housework, and the whole concept that her one point in life is to serve somebody else.“ (dt.: „Es ist nicht nur das. Auch, dass das Essen fertig sein muss, sobald der Mann nach Hause kommt und die Frau bei der Hausarbeit gestylt sein muss. Dass ihr ganzer Lebensinhalt bloß darin besteht, andere zu bedienen. Das ist total überholt.“) Dean führt einen Vergleich zu seiner Mutter an und hinterfragt, ob Rorys Meinung nicht von ihrer Mutter komme. 

Rory: „ If i have no opinions of my own, then I’d be the kind of girl you like.“ (dt.: „Wenn ich keine eigene Meinung habe, dann müsste ich ja genau die Frau sein, auf die du stehst, oder?“) Seine Mutter hätte es sich schließlich aussuchen dürfen, aber Donna Reed hatte keine Wahl: „Yes, I know she wasn’t real, but she represented millions of women that were real and did have to dress like that and act like that...“ (dt.: „Ja, sie war eine Kunstfigur, aber sie stand für Millionen von Frauen, die wirklich existiert haben und die sich so kleiden und handeln...“) 

Die beiden gehen im Streit auseinander. Rory soll an diesem Abend auf das Katzenbaby ihrer Nachbarin Babette aufpassen und hat das Haus für sich. Sie entwickelt eine Versöhnungsidee, den Donna-Reed-Tag. Sie überrascht Dean, indem sie eine ganze Show einlegt mit Kleidung aus den 50er Jahren, entsprechender Dinner Musik und hat extra für Dean aufwendig gekocht. Als sie beim Holen das Nachtisches bemerkt, dass sie vergessen hat die Brötchen zu backen, ist sie sehr bestürzt: 

„Donna Reed would have never forgotten the roll. They’re gonna make me turn in my pearls.“ (d.t.: „Donna Reed hat sowas nie vergessen. Das kostet mich bestimmt meine Perlen.“)
Dean: „I promise i’ll kick anyone’s butt who comes near those pearls.“ (dt.: „Ich verspreche dir, jeder, der an deine Perlen ran will, kriegt’s mit mir zu tun.“) Entschuldigung, aber darf ich mich hier bitte übergeben? Die patriarchale Vorstellung, die Rory vollführt sowie dieser zweifelhafte zweideutige Satz von Dean machen mich wütend. Dean erwarte von Rory nicht wie Donna Reed zu sein, (Und was ist mir Rorys Erwartungen?) denn er sei sehr glücklich mit ihr. Rory daraufhin: 

„I know, and I appreciate that, but aside from this actually being fun. I did a little research on Donna Reed. (...) She did do the whole milk and cookies, wholesome, big skirt thing, but aside from that, she was an uncredited producer and director on her television show. Which made her one of the first woman television executives. Which is actually pretty impressive.“ 

(dt.: „Ich weiß, und es freut mich ehrlich. Nicht nur das mit der Show hat mir Spaß gemacht, ich habe auch recherchiert, was Donna Reed angeht. (...) Sie hatte echt diese mütterliche Tour mit der Milch und den Keksen drauf, aber außerdem hat sie auch Regie geführt und ihre Serie produziert, ohne allerdings genannt zu werden. Damit war sie beim Fernsehen eine der ersten weiblichen Führungskräfte. Und das finde ich ziemlich beeindruckend.“) 

Ja, Rory ich verstehe dich und natürlich ist die erste weibliche Führungskraft im Fernsehen beeindruckend, aber sie wurde nicht erwähnt. Das spricht für die Zeit, in der Frauen unterdrückt worden sind und in der der Mann (bis in die 70er - USA im späten 20. Jahrhundert „coverture“ / D: 1977 „Geschlechtsvormundschaft") Versorger und Haushaltsvorstand war: So durften Frauen nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes einen Job ausführen. Denn die Rolle der Frau bestand ausschließlich darin, Mutter und Hausfrau zu sein - wie sie schon sagte, sie konnten es sich nicht aussuchen. Das wurde in Gesetzen festgehalten. Und selbst bis heute sind diese patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft und im System verankert - beispielsweise sieht man das auch in der Regie und vielen anderen Bereichen. Gleicher Lohn? Haha, guter Witz. Die Herabwürdigung von weiblicher* Leistung ist allgegenwärtig wie die Bezeichnung „Quotenfrau“ aufzeigt. Sich über eine jahrhundertelange Männerquote zu beschweren, bringt einem auch heute nicht immer Pluspunkte ein. Traurig, aber wahr. 

Dinge, die ich der Serie dennoch zu Gute halte, sind erste fortschrittliche Signale wie die Tatsache, dass neben Rory auch noch zwei weitere Nerds ihr an die Seite gestellt worden sind: Lane und Paris. Oder die Figur der Miss Patty, die eine Tanzschule in Stars Hollow leitet und für Sexpositivity steht (Weibliche Lust und Sexualität wird langsam enttabuisiert). Weibliche Lust wird auch bei Friends thematisiert, ob nun durch den Fund von Rachels erotischer Literatur oder Monica, die Chandler einige erogenen Zonen von Frauen aufzeigt: „seven, seven, SEVEN!!!!“ (dt.: sieben) und dabei scheinbar einen mentalen Orgasmus hat. Die Figur von Sookie, beste Freundin von Lorelei - Chefköchin und spätere Partnerin im eigenen Hotel; ist eine der ersten dicken Figuren, deren Dicksein nicht thematisiert wird und die dazu auch ein glückliches Liebesleben führt. Aber man kann hier anführen, dass Rory und Lorelei einen starken Stoffwechsel haben müssen, denn sie sind super schlank trotz ihres unbändigen, ungesunden Essverhaltens. Und alle anderen Figuren entsprechen dem gängigen Schönheitsdeal (kulturell westlich geprägt). Apropos unrealistische (Frauen-)Figuren, auch weitere Diskiminierungen finden wir in der Serie: Homophobie und Rassismus. Intersektional und Divers sind die Figuren nun wirklich nicht, wir sehen eine heteronomative heitere Plüschwelt, die nichts mit der Realität zu tun hat. Stereotype wie einen homosexuellen Franzosen, auf dessen Kosten ständig Witze kommen oder die Figur der Mrs Kim (Lanes Mutter), die als angry asian woman gezeichnet ist. Die neuste Studie der MarLisa Stiftung MarLisa Stiftung zu „Geschlechterdarstellungen und Diversität in Streaming- und SVOD- Angeboten“ (Institut für Medienforschung der Universität Rostock; 2020) liefert erstmal eine Bestandsaufnahme der Darstellungen hinsichtlich Geschlecht, sexuelle Orientierung und ethnischen Zuschreibungen. Hier ein paar Ausschnitte, die für sich sprechen:

- Rund 63 Prozent der zentralen Rollen in global produzierten Streaming-Angeboten sind „weiß“ besetzt. Des Weiteren sind circa 12 Prozent Latino/Latina repräsentiert. Weitere 10 Prozent sind als asiatisch zu lesen, 8 Prozent als Schwarz. 3 Prozent können Südasien und 2 Prozent dem Mittleren Osten zugeordnet werden. In nationalen Kontexten überwiegt die Sichtbarkeit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung. (...) 

- Frauenfiguren sind auch in Streaming-Angeboten unterrepräsentiert. Nicht-binäre und Personen mit anderen Geschlechtsidentitäten kommen kaum vor. 

Deutsche Produktionen zeigen am wenigsten Frauen: Der Frauenanteil in zentralen Rollen beträgt 35 Prozent. In asiatischen Produktionen sind rund 45 Prozent der zentralen Rollen weiblich, in nordamerikanischen 43 Prozent, in süd- und mittelamerikanischen sind es rund 39 Prozent.

In europäischen Produktionen (ohne Deutschland) beträgt der Frauenanteil in zentralen Rollen rund 42 Prozent. Der Durchschnittswert für alle untersuchten Produktionen liegt ebenfalls bei 42 Prozent.

Nicht-binäre und Personen mit anderen Geschlechtsidentitäten kommen kaum vor. Sie sind in den Produktionen aller Länder nur in neun von 1.911 Fällen (0,5 %) in zentralen Rollen zu sehen. In deutschen Produktionen sind sie gar nicht vertreten.
- Frauen werden in Streaming-Angeboten entlang tradierter Geschlechterbilder besetzt.

• Während in Romantik-Formaten rund 49 Prozent der zentralen Rollen weiblich besetzt sind, 

sind es in politischen, Action- und Abenteuer-Formaten nur knapp 36 Prozent.
- Die Vielfalt von Frauen in Streaming-Angeboten ist insgesamt eingeschränkt, Geschlechterstereotype bleiben verankert. 

Frauen kommen seltener vor, sind jung und werden seltener homosexuell dargestellt als Männer. Zentrale Rollen zeigen Frauen zu 4 Prozent als homosexuell, Männer hingegen zu 7 Prozent.

Frauen haben genormte schlanke Körper. In zentralen Rollen sind sie mit 16 Prozent doppelt so oft sehr dünn wie Männer mit 8 Prozent.

Zudem treten Frauen in Berufen auf, die ihre emotionale Kompetenz betonen. Berufsfelder wie Verkauf und Gesundheit sind in zentralen Rollen zu rund 2/3 mit Frauen und damit doppelt so oft wie mit Männern besetzt. Demgegenüber sind rund 90 Prozent der Figuren, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden können, männlich.
- Streaming-Angebote werden vor allem von Männern gemacht.

• Die kreativen Teams sind männerdominiert. Das zieht sich durch alle Bereiche: von Produktion 

über Kameraführung bis hin zu Drehbuch und Regie. Am deutlichsten zeigt sich das in den Bereichen Kamera und Regie. Hier beträgt der Männeranteil 90 beziehungsweise 78 Prozent. 

 

Ich mach hier mal Stopp und bespreche meine weiteren Gedanken im nächsten Brief. Für die Fakten sollte man erst noch Zeit zum Verarbeiten bekommen. Allerliebst, C 

 

 

05. November 2020

 

Liebe Madame Realism,

 

so, irgendwie habe ich bemerkt, dass der letzte Brief schon sehr voll war und wollte dir etwas Zeit zum Denken geben - und mir auch. Vielleicht hätte ich mich sonst noch mehr in Rage geredet. Also wo war ich denn stehen geblieben? Richtig, bei: It’s a lifestyle. Ja, Gilmore Girls hat mich schon sehr geprägt, auch wenn es heute vieles gibt, was ich daran kritisiere. Das Gleiche gilt für Friends. Umso erstaunlicher, dass ich nach wie vor beide Serien gerne sehe. Auch wenn die heitere Plüschwelt in Stars Hollow mir einen Grund zu Kritik gibt, ist es doch auch genau diese Welt, die mich auffängt. Neulich habe ich mit V telefoniert und wir sprachen lange über Filme und Serien, wie zu den Zeiten in denen wir uns nächtelang verquatscht haben und eine von uns dann rüber ins jeweilige Schlafzimmer musste. Natürlich ging es irgendwann um Gilmore Girls und mein wiederholtes Comfort Binge Watching. Wir stellten dabei mal wieder fest, wie viel Vertrautheit und Halt uns die Serie immer und immer wieder gibt. Ein Märchen für Erwachsene. Aber dennoch ist genau das (teilweise - hier spricht ein Fangirl) ein Problem, beispielsweise was den Klassismus in der Serie betrifft. So wird zwar durch die Abkapselung von Lorelei aus ihrem Elternhaus und der Verzicht auf die Privilegien der Reichen zu Recht gefeiert, denn sie schafft es, sich selbstständig hochzuarbeiten, worauf sie stolz ist und auch ihre Großmutter (Lorelei, die Erste) empfindet das als beachtliche Leistung; denn gute und harte Arbeit respektiert sie. Dennoch finden wir zu Beginn der Serie heraus, dass Rory einen viertel Millionen schweren Treuhandfond hat, auf den sie mit 25 zugreifen kann. In der Folge, die das thematisiert, verliert Lorelei die Option, damit die Ausbildung ihrer Tochter auf der renommierten Privatschule zu finanzieren und muss weiterhin die Abmachung mit ihren Eltern eingehen: Richard und Emily Gilmore bezahlen Rorys Schulgeld, dafür müssen beide jeden Freitag bei den Eltern/Großeltern zu Abend essen (finanzielle Beteiligung bedeutet auch persönliche Beteiligung am Leben der Tochter und Enkelin). Darüber hinaus kommen die Großeltern auch später für Rorys College Gebühren in Yale auf, das handelt Rory allerdings selbst aus, damit Lorelei sich endlich den Traum ihres eigenen Hotels verwirklichen kann. Zu Recht kann man hier kritisieren, dass eine finanzielle Fallhöhe von Lorelei und Rory sich somit nicht einlöst, da sie immer ein finanzielles Auffangnetz haben. Auch Themen wie Arbeitslosigkeit kommen nicht groß zur Sprache, denn in der Plüschwelt gelingt immer alles und dazu funktioniert der soziale Aufstieg bei Rory über Privatschule und Elite-Universität. Wie viele können sich so etwas schon leisten? Jedenfalls nicht der Großteil der Menschen in der realen Welt. Bildung ist nach wie vor ein Privileg. Dessen sind sich Lorelei und Rory zwar bewusst, aber thematisiert wird es kaum - außer die alleinerziehende Mutter hat Sorge, dass sie ihr Kind dazu gedrängt hat, diesen Weg einzuschlagen, weil sie selbst nie die Möglichkeit dazu hatte (Schwangerschaft mit 16). Eine der Wenigen Lichtblicke, wenn man sich die toxische Mutter-Tochter-Beziehung mal anschaut. Kein Wunder also, dass es irgendwann zum Knall zwischen Rory und Lorelei kommt, als Rory ihr Studium hinschmeißt - Sinnkrise nach einem Praktikum bei Logans (Rorys dritter Freund) Vater - ein Medienmogul. Auch ihr Männergeschmack, der häufig ebenso romantisiert wird wie die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter (ja das tue ich ja zugegeben auch), ist problematisch: Dean, der sich (wie im letzten Brief geschrieben) vielleicht eine Hausfrau wünscht und diese später sogar heiratet (Lindsey) und nach nicht mal einem Jahr Ehe betrügt - mit Rory! Dean könnte man sehr gut als klassischen Nice Guy lesen, der nicht weniger sexistisch ist. Dann kam Jess, der belesene Bad Boy mit einem weichen Kern, für den Rory Dean verlässt. Jess behandelt Rory allerdings nicht immer gut bis hin zum einen Vorfall auf einer Party (kurz bevor Jess ohne ein Wort die Stadt und Rory verlässt), bei dem Jess Rory sexuell bedrängt und sie noch nicht bereit ist mit ihm zu schlafen. Das erzürnt Jess, er prügelt sich mal wieder mit Dean und kurz darauf dampft er ab, er hat nämlich niemandem erzählt, dass er den Abschluss nicht schafft - und seien wir mal ehrlich intelligent ist er, aber er hat kein Interesse, einen gesellschaftlich vorgeschriebenen Weg einzuschlagen und setzt andere Prioritäten. Später entwickelt er sich allerdings zu einem guten Freund für Rory, der sie zwar immer lieben wird (wie realistisch das wohl ist?), und einen halbwegs erfolgreichen Schriftsteller abgibt. Er hatte immer die Liebe zu Literatur und Musik mit Rory gemeinsam. Dean verlieren wir irgendwann aus dem Blick, nachdem die Ehe durch die Affäre zerstört wurde. Und zu guter Letzt haben wir da: Logan. Logan Huntzberger kommt aus einem reichen und einflussreichen Elternhaus und ist ein verzogener Frauenheld, der mit seiner Life And Death Brigade viel Unsinn und gefährliche sowie schwachsinnige Aktionen durchführt, die auch Rory mitzutragen hat - ja der Sprung „You jump, I jump, Jack“ (dt.: „Wenn du springst, springe ich auch Jack“) ist wunderschön, weil es hier um den Beginn deren Romanze geht, aber er ist auch ganz schön leichtsinnig. Logan weiß immer, was das Beste für Rory ist. Ja er ist intelligent und schlagfertig und unterstützt Rory auch anfänglich in ihrer Karriere (rettet mit ihr sogar einmal mit eine Ausgabe der Yale Daily News - Rory möchte bekanntermaßen Journalistin werden, die nächste Christiane Amanpour), aber dann erhält er ein Jobangebot aus Kalifornien. Er möchte ein Haus mit einem Avocadobaum im Garten für Rory und sich kaufen und sie heiraten, sprich: sie soll alles stehen und liegen lassen und für ihn nach San Francisco ziehen. Dort gäbe es auch renommierte Zeitungen und er habe sich schon überall schlau gemacht. Alles schön und gut und sicherlich treffen Paare aufgrund von Jobangeboten häufig die Entscheidung gemeinsam an einem neuen Ort zu starten, aber solange medial immer wieder dargestellt wird, dass die Frau mitgehen solle und nicht auch mal umgekehrt, desto länger hält sich diese Perspektive in der Gesellschaft. Wahrscheinlich bin ich deshalb so ein großer Fan vom wirklich feministischen Serienfinale: Rory lehnt den Heiratsantrag ab und wird kurz darauf als Reporterin die Wahlkampagne von Barack Obama begleiten. Ein schönes Ende für die Serie - wirklich. Auch wenn Lorelei und Luke eine zweite Chance bekommen, die auch mein Herz jedes Mal wieder wärmt, ist toxische Männlichkeit wirklich ein Problem in der Serie (auch bei Friends). Männer als grunzende verschlossene Holzfäller zu skizzieren, schränkt schließlich auch die gesellschaftliche Rolle des Mannes ein. Und dennoch sind diese Figuren mir ans Herz gewachsen: Dean, Jess, Logan, Max, Christopher, Luke ... uvm. Ich freue mich jedesmal aufs Neue, wenn eine der Figuren wieder eingeführt wird. 

Warum ich die Serie also nach wie vor liebe (sofern ich mich nicht doch ab und zu ärgere wie man sieht) ? Wie bereits in einem meiner früheren Briefe an dich geschrieben, gilt für die Populärkultur, dass das jeweilige kulturelle Objekt das Produkt des Systems sei, in dem es entstehe. Und somit kommen wir zur Vorreiter-Problematik. Ich kann die beiden Serien Friends und Gilmore Girls nicht dafür verurteilen heute nicht mehr progressiv oder feministisch zu sein, ohne die Zeit, in der sie entstanden sind, zu verurteilen. Schließlich geht es hier dann doch viel eher um eine Systemkritik. Bezeichnungen wie progressiv und feministisch haben ein Ablaufdatum und das ist auch gut so, denn alles andere würde bedeuten, wir befänden uns im Stillstand - und das, liebe Madame Realism, würde mich viel härter treffen. Emotional, persönlich, gesellschaftlich, politisch - wie viel Raum hätte ich dann dafür, meine eigene Stimme zu finden und mich selbst so frei zu verwirklichen wie möglich? Allein die Tatsache, dass früher Frauen keinen Zugang zu Bildung hatten, erschüttert mich immer und immer wieder - es macht wütend.

Prof. Dr. Hallenberger, Medienwissenschaftler, schreibt auch über Friends und die mangelnde Darstellung von Diversität: „In diesen Schichten, in dieser Zeit, in diesem Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegt haben, waren einfach keine. Wenn ich an das Café Central Perk denke – das ist Teil der urbanen Bohéme-Szene der 90er Jahre. Das war eine überwiegend weiße Szene.“ Im Zeichen der Zeit betrachtet stimmt es meine Fan-Liebe milder, aber es ändert dennoch nichts an der Feministin in mir, die sich über diese Darstellungsformen aufregt. In beiden Serien wird jeweils ein rosa Hemd thematisiert, das ein Mann trägt. Ross vergisst sein rosa Hemd bei einer Ex-Freundin und holt es sich unelegant zurück, aber für dieses Hemd wird er ständig aufgezogen. Und irgendwann hat er versehentlich einen rosa Damenpullover von Rachel an, weil er glaubte sie habe es ihm für sein Date rausgesucht und es sei stylisch (ich meine warum auch nicht?), allerdings platzt sein Date, da sie den gleichen Pullover trägt - im Ernst? Traurig gelöst, Friends, wirklich. Bei den Gilmores hingegen zieht Lorelei Christopher damit auf, dass er ein rosa Hemd in der Wäsche hat, da es eitel sei. Ach Leute, ein so viel schöneres Zeichen wäre es doch gewesen, es einfach nicht zu kommentieren und es nicht für schlechte Witze zu nutzen. Schluss mit der Rosa-Blau-Logik. Und da ich ja am liebsten jetzt auch noch im Gedankenspiel eine der Serien oder Folgen oder Szenen wie Linda Nochlin feministisch überschrieben hätte, muss ich gestehen: Es fällt mir zu schwer. Wenn müsste ich es ganz tun und das sprengt nun wirklich den Rahmen. Außerdem könnte ich sonst eher einfach eine neue Serie schreiben, die vielleicht hier und dort etwas klaut von ihren Comfort Binge Watching Serien. Ich würde allerdings dazu anregen wollen, den Bechdel-Test einer erneuten Aktualisierung zu unterziehen. Gedanken dazu wären: 

4) Spiegeln die weiblichen* Figuren unsere Gesellschaft wieder (Diversität, sexuelle Orientierung)?
5) Werden unterschiedliche Lebensentwürfe präsentiert?
6) Werden Problematiken innerhalb der Gesellschaft thematisiert ohne eine Reproduktion von vorherrschenden Muster? (Rassismus, Sexismus, Diskiminierung) 

7) Werden Tabus des weiblichen Körpers gebrochen und beispielsweise Periodenblut, behaarte 

weibliche* Körper, diverse Körper (uvm.) gezeigt?

... und ja sicherlich ich müsste das jetzt besser ausformulieren oder auch noch andere Dinge finden, ich werde mal noch etwas darüber nachdenken. Was sagst du dazu? Habe ich etwas übersehen? Bestimmt, denn ich kann nicht aus der Perspektive aller sprechen. Wichtig wäre es, eine realistische Darstellung aller geschlechtlichen Identitäten und Lebensmodelle zu schaffen.

 

Liebe Madame Realism, es gibt in der letzten Staffel (7. Folge 15: Im Rausch vereint) von Gilmore Girls ein sehr spannendes Gesprächsthema. Richard Gilmore erholt sich gerade von einem Herzinfarkt und folgt nun einem strikten Ernährungsplan. Er ist genervt davon, wie ein Patient behandelt zu werden (und ständig Fisch zu essen) und seine miese Stimmung verbreitet er im ganzen Haus von den Angestellten über seine Frau bis bin zum Besuch. Er steht vom Esstisch auf, weil er sein Golfspiel weitersehen möchte, denn es drehe sich um einen berühmten Patt. Emily kann es nicht fassen: 

Emily: „Wait, you’re watching an old golf game?“ (dt.: „Moment, du willst ein altes Golfspiel sehen?“)
Richard: „Well, it’s the last singles Match of the 69 Ryder cup. (...)“ (dt.: „Das ist das letzte Einzelmatch des 69er Ryder Cups (...)“). 

Emily: „(...) You already know how it’s going to turn out.“ (dt.: „(...) Du weißt doch, wie es ausgeht!“)
Richard: „Well, that never stopped people going to see Hamlet.“ (dt.: „Die Leute sehen sich immer noch gern den Hamlet an.“) 

Richard verabschiedet sich und geht nach oben zurück zu seinem Golfturnier. Unglaublich, dass die Serie hier sogar bereits das Phänomen des Comfort Binge Watchings reflektiert noch bevor es diesen Begriff gab. Warum schauen wir also die gleichen Dinge immer wieder, obwohl wir wissen wie sie ausgehen oder wir nicht mehr hinter Allem stehen können? Vielleicht ist Comfort Binge gar kein Phänomen, das nur in unserer Zeit existiert, sondern schon immer. Seit es Geschichten gibt, werden diese wiederholt. Werden Literatur, Theaterstücke, Filme und Serien zu Kult und führen zu Wiederholungen. Das scheint mir ein Ausblick meiner Gedanken zu sein: Eine (kurze) Geschichte der Wiederholungen. Es scheint also vermutlich noch mehr hinter Comfort Binge Watching zu stecken - zumindest wäre das meine neue These.

So und ich merke, dass ich kein Ende finden kann. Ich bin mir ziemlich sicher, liebe Madame Realism, dass dies nicht mein letzter Brief sein wird. So scheint mir die Briefe an dich haben einen hochheiligen Zweck erfüllt. Es war ein spannendes Gefühl, ohne vorgegebene Struktur meine Gedanken zu sortieren und einfach denken zu können - schreibendes Denken - ein denkender Essay. Danke für die Inspiration.

Bis hoffentlich bald.

Allerliebst, C

p.s.: Liebe Madame Realism, be your own windkeeper! Ich bin kürzlich über eine Friends-Folge gestolpert, die in der die drei Frauenein (fiktives) Buch für sich entdecken: Be Your Own Windkeeper und daraus resultierend machen sie die Männer in ihrem Leben für alles verantwortlich. Sie möchten sich emanzipieren, aber die Darstellungsweise von Feminist:innen funktioniert in den Szenen über einen esoterischen und nicht fakten basierten Weg - Der Feminismus wird lächerlich gemacht. Zudem thematisiert das Goddess-Quizz, warum die Solidarität zwischen Frauen fehlen kann, sobald es um Männer geht: „Have you ever betrayed another goddess for a lightning bearer?“ (dt.: „Haben sie jemals eine andere Göttin wegen eines leitenden Trägers betrogen?) Ein Lichtblick ist die Auflösung des Streits zwischen den Frauen: Es sei nicht gut sich gegenseitig den Wind wegzunehmen, wenn sie doch viel größere Probleme damit haben, dass Männer dies ständig tun. „I love you goddesses“ (dt.: „Ich liebe euch Göttinnen“) und Umarmungen samt Versprechung sind das Schlussbild der Feminismus-Thematik. Ärgerlich ist die negative Darstellung The Straw Feminist Trope, diese Bezeichnung beschreibt übertrieben gezeichnete Feminist:innen-Figuren, die die feministische Bewegung untergraben und sie verspotten. Nicht gerade schön, aber eine positive Lehre, die wir der Folge dennoch entnehmen können: SOLIDARITY, SISTER! YAA! YAA! In diesem Sinne, liebe Madame Realism, stärken wir die Solidarität. 

Bücher- und Serienregal der Briefe: 

 

Horton, Donald/Wohl, R. Richard: Massenkommunikation und parasoziale Interaktion. Beobachtungen zur Intimität über Distanz, in: Adelmann, Ralf/ Hesse, Jan O./ Fellbach, Judith (Hrsg.): Grundlagentext zur Filmwissenschaft: Theorie - Geschichte - Analyse, Konstanz 2001.

Johnson, Steve: Neue Intelligenz. Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden, Köln 2006.

Kraus, Chris: I love Dick, o.O. 1997.

Nelson, Maggie: Die Argonauten, München 2017.

Schwarz, Barry: TED, https://www.ted.com/talks/barry_schwartz_the_paradox_of_choice?language=de (17.12.2020).

Tillmann, Lynne: The Complete Madame Realism and Other Stories, South Pasadena 2016. 

 

 

Besprochene Folgen der Serien: 

 

Küken-Alarm. [The Damn Donna Reed]. Drehbuch: Daniel Palladino/Amy Sherman-Palladino. Reg.:. Michael Katleman. Gilmore Girls. Staffel Nr. 1, Folge Nr. 14. 2001. Netflix. 

Im Rausch vereint. [I am a Kayak, Hear me Roar]. Drehbuch: Rebecca Rand Kirshner. Reg.: Lee Shallat-Chemel. Gilmore Girls. Staffel Nr. 7, Folge Nr. 15. 2007. Netflix. 

Liebe? Nein, doch nicht! [The One Where Monica Gets a Roommate / The Pilot]. Drehbuch: David Crane/Marta Kauffman. Reg.: James Burrow. Friends. Staffel Nr. 1, Folge Nr. 1. 1994. Amazon.  

Affengeil (1) [The One After The Super Bowl Part 1]. Drehbuch: Michael Borkow. Reg.: Mike Sikowitz/Jeffrey Astrof. Friends. Staffel Nr. 2, Folge Nr. 12. 1996. Amazon.